Strandfußball und irre viel Arbeit

Thilo Rückeis fotografiert das Team der Paralympics Zeitung
Das ist selten: ein Foto vom Fotografen selbst (Foto: Thilo Rückeis)

Seit 2008 fliegt Thilo Rückeis alle zwei Jahre mit zu den Paralympischen Spielen. Als Fotograf dokumentiert er die Arbeit der Jungjournalisten für die Paralympics Zeitung, die unter anderem vom Tagesspiegel herausgegeben wird. Dem Radarmagazin erzählt er, warum er das erste Mal auf eigene Kosten reisen musste und welche Erlebnisse er für immer ins Herz geschlossen hat.

Radarmagazin: Ist es anders, zur Abwechslung mal selbst fotografiert zu werden?

Thilo Rückeis: Absolut! Bei den Gruppenbildern bin ich ja auch nicht dabei. Höchstens mal bei einem Selfie. Als Mann hinter der Kamera ist man aber meist nicht mit auf den Bildern.

Radarmagazin: Wären Sie gern mehr zu sehen?

Thilo Rückeis: Ne, ich nehme mich selbst nicht so ernst. Aber ab und zu ist es mal schön, um einfach eine Erinnerung zu haben.

Radarmagazin: Wie oft haben Sie denn schon Fotos für die Paralympics geschossen?

Thilo Rückeis: Zunächst habe ich das Projekt nur begleitet. Mit Annette Kögel, die das ganze 2004 initiiert hat, habe ich die Sportler im Vorfeld beim Training besucht und Fotos gemacht. Mich hat das alles dann mehr und mehr fasziniert. Die Paralympischen Sportler leisten unglaublich viel. 2008 wollte ich dann selbst dabei sein. Leider meinte der Tagesspiegel, es sei nicht so wichtig, dass da auch ein Fotograf mitfährt. Also habe ich mir Urlaub genommen und bin auf eigene Kosten mit nach Peking geflogen. Und kaum war ich dort, rief der Tagesspiegel jeden Tag an. Sie wollten plötzlich doch Fotos haben. Vom Sport, vom Empfang in der Botschaft, von unserem Team. 2010 war ich in Vancouver das erste Mal offiziell als Fotograf dabei.

Radarmagazin: Sie müssen wirklich sehr begeistert sein..

Thilo Rückeis: Oh ja!

Radarmagazin: Haben Sie eine persönliche Verbindung zu den Paralympics?

Thilo Rückeis: Also ich habe kein Familienmitglied, das eine Behinderung hat. Ich bin einfach von den Sportlern begeistert. Von denen kann man so viel lernen! Es gibt einfach Momente, die mir für immer im Kopf bleiben werden. Da fällt mir zum Beispiel der Rückflug von Vancouver ein. Wir waren mit einer Mannschaft im Flieger. Da habe ich Männer mit unheimlich breiten Schulter, aber ohne Beine, auf ihren Armen durchs Flugzeug laufen sehen. Die machen alles total locker und immer mit einem Lächeln auf den Lippen. Sie sind also nicht nur im Sport sondern auch in ihrem Leben extrem erfolgreich und zufrieden. Da kann man eine Menge von lernen. Oder in einem anderen Moment konnte ich beim Abfahrtskilauf sehen, wie jemand völlig blind diese super steile Abfahrt runter fährt und quasi mit seinen Beinen die Piste ließt. Er hat kein Augenlicht und fährt trotzdem besser runter als jemand, der sehen kann. Man kann die Unterschiede wirklich sehen. Das ist absolut faszinierend. Ich kann nur empfehlen, sich solche Sportarten, die es ja auch in Berlin gibt, mal selbst anzusehen.

Radarmagazin: Wie sind Ihre Erfahrungen aus den letzten Jahren mit den Nachwuchsjournalisten der Paralympics Zeitung (PZ)?

Thilo Rückeis: Durchweg positiv! Die werden auch immer besser! Also die waren immer schon toll, aber so, wie die Spiele immer größer werden, so werden die jungen Redakteure auch immer professioneller. Das Projekt wird auch insgesamt größer, zum Beispiel durch den vermehrten Einsatz der sozialen Medien. Wenn wir vor Ort sind, bekommen wir circa drei bis vier Stunden Schlaf.

In Rio haben wir bis morgens um 3 Uhr Texte geschrieben und waren um 6 Uhr morgens schon wieder zum Strandfußball verabredet. Es ist irre viel Arbeit, aber es macht auch sehr viel Spaß!

Radarmagazin: Bleiben die jungen Journalisten nach der Reise weiter Teil des Projekts?

Thilo Rückeis: Die Leute aus dem jetzigen Social Media Team waren alle schon mal dabei. Und ihre Erfahrungen bringen sie nun in den Workshop mit ein, indem sie die Neuen unterstützen. Außerdem kümmern sich zwei Redakteure aus diesem Team noch um die Englische Ausgabe der PZ. Es gibt also jedes Jahr zehn neue Studenten. Aber Leute, die ihre Kompetenzen unter Beweis stellen konnten und auch begeistert sind, sind natürlich wieder dabei.

Radarmagazin: Welche Herausforderungen sehen Sie bei der Berichterstattung aus PyeongChang?

Thilo Rückeis: Ich hoffe, dass es außer dem üblichen Zeitdruck keine Beeinträchtigungen geben wird. Unsere größte Sorge ist, dass durch Konflikte die Sicherheit nicht gewährleistet werden kann. Wenn sich da etwas anbahnen sollte, müssen wir im schlimmsten Fall das Projekt stoppen. Aber wir bereiten uns gut vor, wie Sie sehen und hoffen auf das Beste.

Radarmagazin: Machen Sie in der Fotografie bei den Paralympics etwas anders als bei „normalen“ Sportveranstaltungen?

Thilo Rückeis: Jein. Hier bin ich mehr als Fotograf des Teams da. Normale Bilder darf ich vom Sport selber gar nicht machen. Da gibt es ganz klare Regeln. Man muss sich quasi für bestimmte Positionen bewerben. Es wird dann ein Kollege ausgewählt und der darf dann beispielsweise beim Skiabfahrtslauf für alle die Bilder von einem Berg aus machen. Ich kümmere mich darum, die Arbeit unseres Teams zu dokumentieren. Ich bin dabei, wenn Interviews in der Mixed Zone geführt werden. Das ist der Bereich, in dem sich die Athleten nach dem Wettkampf mit den Journalisten treffen können. Unsere Reporter, erkennbar an den blauen Hoodies, werden auch da drin sein. Da darf ich das Team und auch die Sportler fotografieren.

Radarmagazin: In der Mixed Zone dürfen Sie also fotografieren. Nach welchen Gesichtspunkten wählen Sie die Bilder aus? Soll das Handikap der Sportler vordergründig sein oder eher in den Hintergrund treten?

Thilo Rückeis: Die Beeinträchtigung ist eigentlich absolute Nebensache. Es sollen einfach nur packende Sportbilder entstehen. Beim Sport achtet man ja auch eher auf die Performance der Athleten und nicht beispielsweise auf einen fehlenden Arm.

Radarmagazin: Können Sie abends abschalten?

Thilo Rückeis: Ich bin zwar erschöpft, aber voller Glücksgefühle. Während der Spiele schlafen wir eben immer wahnsinnig wenig. Aber man ist so voller Adrenalin, dass man in der Zeit trotzdem funktioniert. Ich sehe das alles eher positiv.

Dieser Sport lässt einen über sich hinauswachsen.

Radarmagazin: Worauf freuen Sie Sich besonders?

Thilo Rückeis: Es ist allein schon eine große Sache in Korea zu sein und zu arbeiten. Aber am meisten freue mich darauf, zu sehen, wie unser Team zusammenwächst. Es macht jetzt schon den Anschein als könnten alle toll miteinander arbeiten. Und wenn dann alle zusammen ein Erlebnis haben, was ihr Leben verändern wird, ist das wirklich was Besonderes.

Geschrieben von
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