Sternenkinder und ihr Recht auf Erinnerung

Sternenkinder auf dem St. Matthäus Friedhof (Foto: EFEU e.V.)

„Ich bin deine Mutter, auch wenn ich nie erfahren werde, wie dein Lachen klingt“, waren die Abschiedsworte einer Mutter an ihr „Sternenkind“. Ihr Abschiedsbrief liegt an der kleinen Gedenkstätte auf dem Alten St. Matthäus Friedhof in Berlin.

Tote Babys so liebevoll zu betrauern, ist in Berlin noch nicht lange möglich. Bis Ende der 90er Jahre wurden Föten in den meisten Krankenhäusern mit den amputierten Beinen und den Blinddärmen entsorgt, wenn sie weniger als 500 Gramm wogen. Sie wurden als Sondermüll verbrannt oder zu Granulat verarbeitet, das im Straßenbau Verwendung fand. Um die Jahrtausendwende änderten die Krankenhäuser schließlich auch ihre Beisetzungspraktiken. Seitdem gibt es alle paar Monate Sammelbestattungen für die tot geborenen Kinder. Seit neun Jahren können sie auf dem St.-Matthäus-Kirchhof sogar einzeln beigesetzt werden. Es war der erste innerstädtische Friedhof Berlins, der das angeboten hat.

Über die von alten Buchen gesäumte Hauptallee des Friedhofs geht es einen Hügel hinauf, auf dessen Kuppe die Grabfelder für die Sternenkinder liegen. Der St.-Matthäus-Kirchhof ist das, was man unter einem ehrwürdigen Ort versteht: mit Grabstätten von Berliner Größen, wie Carl Bolle und den Gebrüdern Grimm. Dort wurde liebevoll ein Ort für die Kinder geschaffen, die bis zum Jahr 2013 nach deutschem Gesetz noch nicht einmal existiert haben.

Die Rede ist von sogenannten „Sternenkindern“

Kinder, die zuerst die Sterne erreicht haben, bevor sie die Chance hatten, das Licht der Welt zu erblicken.

Aus juristischer Sicht waren dies die Kinder, die vor oder nach der Geburt sterben und weniger als 500 Gramm wogen. Somit waren Eltern nach solch einem Schicksalsschlag nicht nur damit konfrontiert, den Tod ihres Kindes zu verkraften, sondern mussten auch noch akzeptieren, dass es offiziell nie existiert hat. Wenn die gute Hoffnung auf ein Kind jäh versiegt, dann ist nichts wie zuvor. Die erwachte Elternliebe stürzt in eine Leere, Wünsche und Träume platzen, Zukunftspläne versiegen. Nach den risikoreichen ersten drei Monaten wächst mit dem Kind auch die Zuversicht der Eltern. Statistisch gesehen sterben dann nur noch vier von 1.000 Babys vor der Geburt.

Ein Ehepaar aus Hessen konnte nach dem Verlust ihrer Zwillinge die Vorstellung nicht ertragen, dass die Babywaage darüber entscheiden sollte, ob ihre beiden Kinder mit dem Sondermüll vom Krankenhaus entsorgt werden oder sie die Möglichkeit bekommen, ihre Kinder würdevoll bestatten zu dürfen. Um diese Chance zu bekommen, reichten sie einen Antrag auf Änderung der Personenstandesverordnung zusammen mit einer Petition mit 40.000 Unterschriften an den Bundestag. Diese erregte sowohl bei den Politikern, als auch in der Öffentlichkeit eine Diskussion.

Am 7. Mai 2013 wurde dem Antrag einstimmig stattgegeben

Seitdem gibt es immer mehr Eltern, die sich bewusst für ein Begräbnis entscheiden, um sich von ihren Kindern zu verabschieden. Auf vielen Friedhöfen gibt es mittlerweile Kindergräber, sowie auf dem St. Matthäus Friedhof in Berlin. Inmitten all den grauen Grabsteinen findet man plötzlich einen Ort, der wirklich für Kinder geschaffen ist. In den Bäumen hängen bunte Fahnen, Windspiele und Wege werden von bunt bemalten Steinen geebnet. Es ist ein Ort der Ruhe. Ein Ort, an dem Eltern die Chance haben zu verarbeiten, dass sie dieses Leben gehen lassen müssen, auch wenn es jegliche, biologische Urgesetzte verdreht.

Garten der Sternenkinder
Garten der Sternenkinder (Foto: EFEU e.V.)

Doch nicht nur die Möglichkeit auf eine offizielle Beerdigung bekommen die Eltern. Immer mehr Betroffene schließen sich in Selbsthilfegruppen zusammen. Aus zwei betroffenen Müttern entstand die Organisation „Schmetterlingskinder“. Die beiden Frauen mussten im Endstadium ihrer Schwangerschaft selbst eine Todgeburt erleiden. Sie entwickelten „Notfallkisten“, die mittlerweile in vielen Kreissälen für den Fall einer stillen Geburt bereitstehen. Sie enthalten Broschüren mit Informationen darüber, an wen sie sich in dieser Ausnahmesituation wenden können.

Handarbeitszirkel, verwaiste Mütter und Großmütter unterstützen die Initiative, indem sie besonders kleine Bekleidungsstücke für die toten Kinder nähen: ein weiches Einschlagtuch oder ein Schlafsäckchen, eine winzige Mütze, gestrickte Söckchen. So haben die Eltern oder die Krankenschwestern die Möglichkeit, jedes Kind zu bekleiden und sei es noch so klein. Hinzu kommt, dass solch ein Schlafsack dem winzigen Körper ein wenig Stabilität verleiht. Viele Eltern trauen sich nicht, ihr Kind in den Arm zu nehmen, weil es so zerbrechlich ist.

Sternenkinder

Über sie wird nicht gern gesprochen, weder in der Öffentlichkeit, noch im Privaten. Die Familie und auch die Freunde wissen oft nicht, wie sie mit den verwaisten Eltern umgehen sollen. Sie ducken sich weg, weil sie unsicher sind, was sie tun oder sagen können. Doch es ist eine wahrhaftige Reaktion auf Unfassbares auszudrücken, dass einem die Worte fehlen, dass man selbst fassungslos und sprachlos ist. Denn der Spruch „Die Zeit heilt alle Wunden“ stimmt erstens nicht und er ist zweitens fehl am Platz. Der Tod eines Kindes ist das Schlimmste, was Eltern widerfahren kann. Egal wie und in welchem Alter es stirbt, für die Eltern ist nichts mehr, wie es einmal war. Denn was bleibt, neben Trauer und Schmerz, ist die Problematik der totgeborenen Kinder und ihrer Eltern, die doch Vater und Mutter sind – und es irgendwie doch nicht sind, weil sie die Elternschaft nicht leben.

Geschrieben von
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