News in fünf Sekunden – Snapchat als Nachrichtenplattform

Auf Snapchat gepostete Bilder und Videos verschwinden nach 24 Stunden. (Foto: pexels.com)

Miley Cyrus auf ihrer Abrissbirne. Weiter.
Menschenhandel in Libyen. Weiter.
Die neue Amazon Prime Serie. Weiter.
Auf Snapchat tauschen Nutzer Fotos und Videos, sogenannte Snaps aus, die nur 24 Stunden lang einsehbar sind. Seit dem 25. April 2017 wird die App auch von deutschen Medien wie „Spiegel Online“, „Vice“, „Bild“ und „Sky Sport“ genutzt. Beispielsweise „People“ oder „CNN“ waren bereits vertreten. Zwischen Selfies und Hundefiltern finden nun also auch Nachrichten ihren Platz auf der Unterhaltungsplattform.

„Snapchat kommt mir nicht mehr so sehr wie eine Zeitverschwendung vor, wenn ich mein Gewissen zwischendurch mit den Videos vom Spiegel beruhige“, Amanda (15) besucht die 9. Klasse eines Gymnasiums in Berlin und checkt täglich die Snaps ihrer Freunde. Sie findet es praktisch durch das Profil vom Spiegel, bündig einen Überblick über bestimmte Themen zu bekommen. „Allerdings fallen mir die Musikvideos oder Trailer beim Spiegel immer merkwürdig auf, irgendwie makaber zwischen den ernsten Themen. Von der Bild erwartet man das ja, aber an der Stelle des Spiegels würde ich die Zeit für Nachrichten nutzen“.

Ihr jüngerer Cousin Philipp (13) hingegen, befürwortet genau diese Mischung aus ernsten und unterhaltsamen Themen: „Ich glaube, so bin ich eher dazu verleitet mir die Snaps anzuschauen, als wenn es da nur um Trump und so ginge“.

Für Jugendliche sind Kommunikationsmöglichkeiten online am wichtigsten

Das Nutzverhalten der beiden entspricht den Ergebnissen der JIM Studie 2016 des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest, bei der junge Menschen zwischen 12 und 19 Jahren zu ihrem Umgang mit Medien befragt wurden. Die Ergebnisse sollen dabei helfen, neue Konzepte in den Bereichen Bildung, Kultur und Arbeit zu konzipieren.
Aus der Studie geht hervor, dass Snapchat, Instagram und WhatsApp an Bedeutung gewinnen, während Facebook und Skype User verlieren.
Die meiste Zeit im Internet verbringen die Befragten um zu kommunizieren, wozu auch die Selbstdarstellung in Form von Fotos und Videos gehört.

Dafür verwenden die Jugendlichen durchschnittlich 41 % der Zeit, die sie online verbringen. 29 % der Nutzungszeit entfällt auf Unterhaltung, z. B. die Nutzung von YouTube oder Streaming Diensten, 19 % hingegen auf Spiele und nur zehn Prozent auf die Informationssuche. Natürlich sind die einzelnen Bereiche nicht komplett trennbar, aber um so größer erscheint die Möglichkeit über kommunikative und unterhaltende Medien neues Interesse für die Suche nach Informationen zu wecken.

95 % der befragten Jugendlichen besitzen ein Smartphone, 74% einen Laptop oder PC. (Foto: pexels.com)

Torsten Beeck ist seit 2014 Leiter der Social Media Abteilung von Spiegel Online. Aus ihrer systematischen Analyse der Zielgruppen geht hervor, dass vor allem im Bereich der 13-24-Jährigen, Wachstumspotenzial für Spiegel ONLINE besteht: „Deshalb passt Snapchat sehr gut zu uns“.

„Snapchat ist genauso schnelllebig wie eine Tageszeitung“

Drei Monate lang war die betreffende Redaktion mit der Idee und Umsetzung des Snapchat- Profils beschäftigt. „Zurzeit arbeiten etwa 10 Kollegen daran, jeden Tag eine Edition zu erstellen“ und achten vor allem darauf, „nicht langweilig zu sein“. Präzise und vielseitige Berichterstattung sei auf einem so schnellen Medium laut Beeck zweifellos möglich: „Snapchat ist genauso ’schnelllebig‘ wie eine Tageszeitung.

Wir denken jeden Tag darüber nach, welche Themen für eine junge Zielgruppe so relevant sein könnten, dass sie mit ihrer Peergroup darüber sprechen würden. Wir sind dort genauso präzise, wie auf allen Plattformen, nur eben etwas kompakter und verspielter“.
Klassische Artikel und Beitragsformate werden auf Snapchat von „Vice“, „Bild“ und Co. aufgebrochen. Stichpunktartige Zusammenfassungen, untermalt von bunten Animationen und Musik warten auf die User.

Potenzielle neue Werbeerlöse dank Snapchat

Die Frage, wie junge Zielgruppen erreicht werden können, ist innerhalb der Spiegel ONLINE Redaktion generell sehr präsent. „Am Ende muss es uns aber gelingen, das Richtige für alle Segmente zu tun – junge Nutzer sind dabei auch nur ein Ausschnitt unseres Publikums“, so Torsten Beeck. Er betont zudem, dass die Redaktion, egal ob im Print Bereich oder online, nicht nur im Austausch mit einer vermeintlichen Elite stehe: „Wir erreichen, allein mit dem Facebook-Kanal von SPIEGEL ONLINE, in der Spitze bis zu 25 Millionen Unique User in der Woche. Das ist nicht Elite, das sind Menschen, die sich für Politik und Gesellschaft interessieren“.

Neben der Erreichbarkeit der jungen Zielgruppe erhofft sich Spiegel ONLINE langfristig gesehen, zusätzliche Erlöse über Werbung.
Aufgrund des Rückgangs der Verkaufszahlen im Printbereich werden diese für viele Medienvertreter immer wichtiger. Nutzer sind online ein kostenloses Angebot gewöhnt und meist nicht bereit zu zahlen.

2006 wurden täglich rund 21 Millionen Zeitungen verkauft, 2016 waren es 15,3 Millionen. (Foto: pixabay.com)

Auch Amanda und Philipp nehmen lieber nervige Werbung in Kauf und freuen sich über die neuen Arten der Nachrichtenaufbereitung. Amanda hofft so wieder einmal die Möglichkeit zu haben, ihre Eltern am Frühstückstisch zu belehren: „Mein Vater hatte einen komplizierten Artikel gelesen, den er nicht ganz verstand. Aber ich konnte es ihm erklären, weil es auf Snapchat etwas dazu gab und das verständlicher, leichter formuliert war. Zumindest diesen einen Tag lang hat er nicht gemeckert, dass ich zu lange am Handy sitze…“

Geschrieben von
Mehr von Bianca Nawrath

Gegen Gewalt an Frauen – eine weltweite Demonstration

Am 14. Februar 2017 sind Menschen auf die Straße gegangen, um gegen...
Mehr

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.