Mehr als nur Teamarbeit

Modedesignerin Sema Gedik setzte ihre Vision in die Wirklichkeit um: Sie entwickelt gemeinsam mit ihrem Team eine Konfektionsgrößentabelle für Kleinwüchsige. Auf Augenhoehe heißt ihr Label, sitzt in Berlin und leistet absolute Pionierarbeit. Studierende der DEKRA Hochschule für Medien erarbeiten im Rahmen ihres Cross-Media-Projekts für Auf Augenhoehe ein Marketing- und Kommunikationskonzept für den internationalen Markt.

Die Strumpfhose sieht aus wie jede andere. Es gibt sie im klassischen Hautfarbenton, in verschiedenen Den-Graden aber dennoch ist sie anders. Denn sie weist auf ein Problem hin, das von der Modeindustrie bisher komplett ignoriert wurde: Bekleidung für kleinwüchsige Menschen. Dabei soll es nicht darum gehen, nur für Kleinwüchsige Bekleidung zu entwickeln. In erster Linie geht es um Mode für alle Menschen, mit jeder Passform und Maßen. Sema Gedik möchte eine Inklusion schaffen.

2013 beginnt ihre Arbeit mit kleinwüchsigen Menschen im Rahmen ihrer Bachelorarbeit. Ihre Inspiration war ihre Cousine Funda, die selbst auch kleinwüchsig ist. Sie hat sich immer beklagt, wie schwer sie sich tut, passende Kleidung zu finden. So reifte die Idee in Sema, dem ein Ende zu setzen. Mit ihrem Team, bestehend aus Jan Siegel, zuständig für das Produktmanagement und Laura Knoops, Grafikdesignerin, arbeitet sie seit 2014 zusammen. Sema entwickelt nun für ihre Masterarbeit eine Konfektionsgrößentabelle. „Dafür haben wir bis jetzt ca. 400 Kleinwüchsige befragt und bemessen“, sagt sie. Sogar eine eigene Software wurde dafür entwickelt. Das ist erstmal genug, um die erste Konfektionsgröße zu ermitteln. „Aber um sie zu optimieren, braucht man immer mehr.“ Die weltweit erste Strumpfhose für kleinwüchsige Frauen hat Sema schon fertiggestellt.

Crossmedial und kreativ

Zu der Zusammenarbeit mit den Studenten kam es über Franka Futterlieb, Professorin für Mediendesign an der DEKRA Hochschule. „Franka habe ich bei der Juryauswahl von den Kultur- und Kreativpiloten Deutschland 2016 kennengelernt. Dort habe ich über mein Thema gesprochen, danach hat mich Franka angeschrieben und mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, mit den Studenten zusammenzuarbeiten“, erzählt Sema. Das Projekt gestalten die Studierenden des Studiengangs Medienmanagement. Unterteilt wird dieser in drei Spezialisierungen: Wirtschaftskommunikation, Medien- und Kommunikationsdesign und Wirtschaftspsychologie.

Suzanne Teßmann und Isabel Wolter, Wirtschaftspsychologinnen (Foto: Delia Roscher)

Isabel Wolter und Suzanne Teßmann sind angehende Wirtschaftspsychologinnen. Unterstützt werden sie u. a. von Dr. Udo Bomnüter, Professor für Medienmanagement an der DEKRA Hochschule. Eine ihrer Hauptaufgaben ist die Analyse des Modemarktes: Wie sieht der Modemarkt für Kleinwüchsige aus? Wie viele Kleinwüchsige gibt es überhaupt in Deutschland? Welche Erwartungen stellen sie an die Mode? Dabei hat es Schwierigkeiten gegeben: „Es ist nicht leicht, Daten über Kleinwüchsige zu finden. Es fehlen Statistiken, wie zum Beispiel über deren Gehalt oder ihre Jobs. Wir haben dann Verbände angeschrieben, die uns mit einigen Informationen weiterhelfen konnten“, so Isabel. Auch Interviews mit Kleinwüchsigen sind geführt worden. „Bei einem Fotoshooting für die Strumpfhose konnten wir das Model befragen. Das hat uns sehr geholfen“, erzählt Suzanne.

Nach der Analyse geht es an die Festsetzung der Ziele für das Label Auf Augenhoehe. Anschließend müssen Marketingmaßnahmen ausformuliert werden, darunter fällt Werbung, Webseiten-Optimierung und die Erstellung eines Verpackungsdesigns für die Strumpfhosen. „Insgesamt sind wir ein Team von über 20 Studenten“, so Bene Schnupp, einer der Mediendesigner. „Das erste Meeting war natürlich krass, alle hatten Ideenvorschläge und es wurde viel diskutiert.“

Aber die Strukturierung eines solchen Projektes ist ja auch eine Aufgabe, die man dabei lernt. In der ersten Woche haben sie sich vor allem mit der Organisation beschäftigt. „Franka und Udo haben uns am Anfang ein Briefing gegeben und uns die genaue Arbeitsaufgabe mitgeteilt“, erzählt Bene. Es wird viel selbstständig gearbeitet, aber die Dozenten sind immer als Unterstützung da. Für die Corporate Identity haben sie auch einen neuen Namen entwickelt: „Any“, zu Deutsch „Jede, Jeder“, soll jeden ansprechen, niemanden ausschließen und für alle zugänglich sein. Die Namensfindung empfindet Bene auch als den schwierigsten Part: „Als Auftraggeberin identifiziert sich Sema natürlich stark mit Auf Augenhoehe.“ Mit ihr gibt es auch regen Austausch. „Ihr wurden Zwischenpräsentationen geschickt, die den aktuellen Arbeitsstand zeigen.“

Mediendesigner Bene Schnupp (Foto: Delia Roscher)

In den letzten Zügen

Nach dem Projekt bekommt sie ein Booklet mit allen Entwürfen und Unterlagen. Ein Kompendium mit den wirtschaftlichen Analysen, dem Marketingkonzept und den Arbeitsschritten fasst das Projekt der Studenten nochmal zusammen. „Wir Designer übergeben ihr zudem einen Styleguide, worin zum Beispiel steht, wie das Logo verwendet wird und welche Schriftgröße auf der Webseite stehen soll.“ Den Prototypen der Strumpfhosenverpackung gibt es auch schon: „Es gibt zwei Strumpfhosen, eine in Schwarz und eine Hautfarbe, mit verschiedenen Den-Graden. Zudem gibt es noch eine Leggings.“ Für die jeweiligen Strumpfhosen und die Leggings wurden drei Grundfarben festgelegt, damit man sie optisch voneinander unterscheiden kann.

Fritz Schlaf von der Wirtschaftskommunikation sieht sich und sein Team als Schnittstelle zwischen den anderen beiden. „Mit den Designern müssen wir deren Ideen mit unseren Plänen abgleichen. Und erst durch die Analyseergebnisse der Wirtschaftspsychologen konnten wir Maßnahmen und Strategien planen“, sagt er. Bei diesem Projekt hat sich das Online-Marketing als die beste Lösung herausgestellt, da die Zielgruppe sich besonders gut online erreichen lässt. Als vorletzter Akt wird das Kompendium von Fritz und seinem Team geschrieben. Am 20. Dezember 2017 findet die Abschlusspräsentation der Medienmanagement-Studierenden vor dem Auf Augenhoehe-Team in den Räumlichkeiten der DEKRA Hochschule statt.

Aus der Komfortzone heraustreten

Für Sema, Jan und Laura ist es interessant, wie viele kreative Köpfe aus den verschiedenen Bereichen miteinander und für Auf Augenhoehe arbeiten. „Bis jetzt war es komplett erfolgreich, was wir von den Studenten bekommen haben“, sagt sie. „Die Arbeit ist sehr professionell und sie haben sich gut mit dem Thema auseinandergesetzt. Unsere Erwartungen wurden übertroffen.“ Dass sich auch das Team von Auf Augenhoehe unbekannten Aufgaben stellen muss, sieht Jan als positive Herausforderung: „Anfangs hatte man ständig Sorgen, aber die lösten sich schnell auf.“

Sema Gedik und Jan Siegel im Interview mit Radarmagazin (Foto: Delia Roscher)

Aktuell sind Sema, Jan und Laura dabei, ihre Crowdfunding-Kampagne umzusetzen. Diese endet am 8. Januar 2018, danach wollen sie sich um den Ausbau des Webshops auf ihrer Webseite kümmern. Und an die Arbeit des Cross-Media-Projektes anknüpfen. Für die Zukunft wünscht sich Sema natürlich Erfolg für Auf Augenhoehe. „Ich bin schon jetzt unglaublich stolz auf uns. Obwohl es manchmal auch schwierige Tage gibt, leisten wir als Team gute Arbeit.“

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