Kennst du deinen Lieferfahrer?

Fahrradkurier bei Nacht (Foto: pixabay.com)

Wer kennt das nicht: Man ist zu Hause, hat Hunger aber keine Lust zum Kochen. Da ist der Griff zum Handy mittlerweile zur Gewohnheit geworden. Ein Klick – und schon klingelt es an der Tür und dein Lieblingsessen ist da.

So schön es für den Kunden klingt, so bitter ist für manch einen Fahrer jedoch die Realität. Seit 2015 gab es immer wieder Beschwerden von Fahrern über schlechte Arbeitsverhältnisse und niedrige Löhne, so geht es aus einem Artikel der Berliner Zeitung hervor.

Aber wer sind eigentlich die Menschen, die dir dein Essen bis an die Haustüre liefern? Radarmagazin hat sich mit zwei Fahrern aus Berlin getroffen. Petar und Martin arbeiten bei unterschiedlichen Lieferdiensten. Hier erzählen sie ihre Erfahrungen.

Petar, angestellter Lieferfahrer

Petar, 27 Jahre, beim Interview (Foto: Delia Roscher)

Steckbrief

Alter: 27 Jahre

Herkunft: Geboren in Bulgarien, seit zwei Jahren in Berlin

Arbeitsverhältnis: Vollzeit angestellt bei einem Lieferdienst

Arbeitsmittel: Das eigene Auto

Vergütung: 8,84 Euro pro Stunde

Trinkgeld: Kommt auf den Kunden an

 

 

Donnerstag, 10 Uhr, Berlin

Seinen stressigen Alltag merkt man ihm nicht an: Petar wirkt entspannt an diesem frühen Morgen. Wir treffen uns in den Räumlichkeiten seines Kollegs, an dem er sein Abitur nachholt. Seine Nacht war kurz. Er arbeitet jeden Tag nach der Schule von 17 Uhr bis ca. 24 Uhr, plus Überstunden. Bereits in seiner Heimat Bulgarien ist er als Lieferfahrer für ein Restaurant tätig gewesen. „Das ist sehr leicht für mich, ich habe den Führerschein seit neun Jahren“, sagt er. So war es für ihn auch keine Frage, dass er in Deutschland damit weitermachen würde. Petar ist eigentlich ausgebildeter Polizist und möchte auch hier in den Dienst treten. Dafür drückt er seit September wieder die Schulbank, um seine Deutschkenntnisse zu vertiefen und einen in Deutschland anerkannten Schulabschluss zu bekommen.

Die Anfänge im deutschen Arbeitsalltag gestalteten sich durchaus schwierig. Er besuchte in seiner Heimatstadt einen Deutschkurs. Als er hierher kam, lag der aber schon lange zurück. Hilfe erfährt er durch seinen Bruder, der bereits 20 Jahre in Deutschland lebt. An sein erstes Bewerbungsgespräch kann er sich noch gut erinnern. Er hatte extra einen Satz auswendig gelernt: „Hallo, mein Name ist Petar und ich bin sehr motiviert.“

Petar erzählt von seinen Erfahrungen (Foto: Delia Roscher)

Zeit ist Geld

Natürlich ist ein Vollzeitjob neben der Schule kein Zuckerschlecken.„Denn Zeit ist Geld“, sagt Petar. Es gab deswegen auch schon Probleme mit seinem Arbeitgeber. Wunschtage kann man in einen Stundenplan eintragen. Fünf Tage die Woche muss er aber arbeiten. Möchte er mehr arbeiten, bedeutet das Überstunden. Es gibt zwei Schichten, eine Mittag- und eine Abendschicht. Die Stoßzeiten sind von 13 bis 14 Uhr und zwischen 19 und 21 Uhr. Dann sind auch die meisten Fahrer unterwegs. Zwischen 20 und 30 Mitarbeiter sind es bei seiner aktuellen Stelle. Dabei gibt es eindeutig mehr Männer als Frauen. Fünf bis sechs Bestellungen pro Stunde und Fahrer sind normal.

Wenn du bei der Arbeit nicht mehr schwitzt, bist du ein Profi.

Insgesamt ist er zufrieden mit der Arbeit als Lieferfahrer. Er hat sogar schon einige seiner Freunde angeworben und würde es jederzeit wieder tun. Seine Zukunft sieht er trotzdem nicht darin. Er findet gut, dass in Deutschland alles versichert ist. So ist er auch bei einem Unfall während der Arbeit geschützt. Den hatte er nämlich bereits an seinem ersten Arbeitstag. Aber unterkriegen lässt sich Petar nicht. „Ich schaffe es alleine.“

 

Martin, selbständiger Lieferfahrer

Selbstständiger Lieferfahrer: Martin, 24 Jahre (Foto: Martin)

Steckbrief

Alter: 24 Jahre

Herkunft: Gebürtig aus Mönchengladbach, seit zwei Jahren in Berlin

Arbeitsverhältnis: Selbstständiger Lieferdienstfahrer

Arbeitsmittel: Das eigene Fahrrad

Vergütung: 5 Euro pro Lieferung

Trinkgeld: Kommt auf den Kunden an

 

 

Student, Musiker und Lieferfahrer

Martin, der Geschichte mit Schwerpunkt Semitistik studiert und nebenher noch Musiker ist, erzählt offen über seine Arbeit als Lieferfahrer. Dazu ist er über einen Freund gekommen. Natürlich hat er auch von den Vorwürfen gegenüber den Lieferdiensten gehört. Er selbst hat aber bis jetzt keine schlechten Erfahrungen damit gemacht. „Du trägst dich in den Stundenplan ein, hast dein eigenes Fahrrad, deine eigene Tasche und dann fährst du los“, erklärt er. Die Ausrüstung hat er beim Lieferdienst gekauft.

Er arbeitet dort seit etwa zwei Monaten. Aktuell sei der Lieferdienst stark an weiteren Fahrern interessiert. Denn in den kalten Monaten, wenn es regnet oder schneit, wollen die Wenigsten fahren. Martin findet es aber angenehm, abends nach einem langen Tag nochmal ein paar Stunden rauszugehen. Als Entspannung sozusagen. Aber wie bekommt man denn als Selbständiger sein Geld? „Du erstellst alle zwei Wochen eine Rechnung“, erklärt Martin.

Wenn du fährst, hast du Geld, wenn du nicht fährst, hast du kein Geld.

Den Vertrag, den er mit dem Lieferdienst abgeschlossen hat, lässt laut Martin dem Fahrer viele Freiheiten. So ist man zwar nicht verpflichtet, die Stunden zu fahren, die man im Plan einträgt. Es gibt aber ein Sanktionsverfahren, bei dem man erst nach allen anderen Zugang zu den beliebten Schichten bekommt. Diese sind abends zwischen 19 und 21 Uhr. Auch Samstag und Sonntag sind sehr begehrt. Die Arbeitsabläufe von der Bestellung bis zur Übergabe sind einfach erklärt: Der Kunde bestellt über die Lieferdienst-App sein Essen, die Bestellung erscheint bei dem Restaurant und bei dem Fahrer, der in der Nähe des Restaurants ist. Welcher Fahrer die Bestellung übernimmt, kann jeder selbst entscheiden. Zu weit entfernte Touren kann man aber auch ablehnen. Der Kunde kann in Echtzeit den Status seiner Bestellung von Anfang an mit verfolgen. Die Frage, ob er das Live-Tracking nicht beängstigend findet, bejaht Martin zwar, „aber wiederum macht das Ganze nur so auch Sinn.“ Pro Stunde schafft er etwa zwei bis drei Aufträge. An anderen Tagen muss man auch mal auf einen Auftrag warten. Pausen gibt es in dem Sinne nicht, „man ist dann einfach mal offline“.

Pizza und ein Bier

„Neulich ist mir aufgefallen, dass Montag auch noch ein richtig guter Tag ist“, erinnert sich Martin. „Ich hatte diesen Montag einen Stundenlohn von 23,50 Euro, weil ich einen Auftrag nach dem anderen hatte.“ Er glaubt es liege daran, dass sich die Menschen montags etwas gönnen wollen. Allgemein sind es eher die Besserverdienenden, die sich Essen bestellen. Studenten bestellen sich mal eine Pizza und ein Bier. Auch Familien mit Kindern bestellen häufig, da sie keine Zeit zum Kochen haben. Vom Trinkgeld erhält Martin den vollen Betrag. Das stellt er dann mit auf die zweiwöchige Rechnung. Muss der Kunde zu lange warten, kann es schon mal vorkommen, dass das Trinkgeld ausbleibt. „Insgesamt geben Frauen mehr“, sagt er.

Ein Unfall im Winter sollte besser nicht passieren (Foto: pixabay.com)

Wie oft er während des Winters fahren wird, ist noch offen. Winterausrüstung muss er sich definitiv kaufen. Und einen Helm wohl auch. Auch wenn man vorsichtig fährt, sollte man beim Fahren wirklich nicht auf die App schauen. Das kann gefährlich werden. Im Hinblick auf seine Zukunft ist er froh, dass er den Job hat. Als Übergang zu einer festen Arbeitsstelle ist dieser verlässlich: „Solange ich nicht mit Fieber im Bett liege, kann ich so einfach Geld machen. Ich muss nur aus der Haustüre gehen.“

 

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