Ein ganz neues Leben

Mit seinem Teddy spricht er nur Deutsch (Foto: pexels.com)

Journalisten müssen neutral berichten. Sie dürfen sich nicht auf die eine oder die andere Seite stellen. Ihre eigene Meinung darf in dem Artikel nicht sichtbar werden. Sie sollten frei von Vorurteilen und sich ihrer öffentlichen Verantwortung bewusst sein. So sieht wohl das Idealbild eines Journalisten aus.

Linda Meyer* ist gestandene Journalistin. Seit 30 Jahren arbeitet sie in der Redaktion einer überregionalen Tageszeitung. Sie weiß um die tagtäglichen Herausforderungen im Job. In nahezu jeder seriösen Redaktion ist es üblich, den Pressekodex zu kennen, der genau diese Regeln für den journalistischen Alltag bestimmt. 60 Prozent der Befragten einer Studie des Bayerischen Rundfunks von 2016 vertrauen darauf, dass Redakteure, die für Nachrichtenmedien arbeiten, objektiv und seriös berichten. Doch auch Berichterstatter sind Menschen. Und jeder Mensch hat seine eigenen Erfahrungen und Werte, die er sich im Laufe seines Lebens aneignet. Seine Geschichte und seinen Hintergrund, aber auch seine eigenen Interessen kann man beim Schreiben nicht einfach abschalten. Sie schwingen, wenn auch unwillkürlich, im Hinterkopf mit. „Ich denke, dass viele Journalisten über die Themen berichten, die sie auch privat interessieren“ vermutet Linda.

Ein Jahr, das alles verändert

Linda hat eine lange Laufbahn als Redakteurin vorzuweisen. Für Recherchen ist sie viel gereist und hat schon einige Flecken Erde gesehen. So auch Kenia 2015. Ein entscheidender Wendepunkt in ihrem Leben. Sie erhielt Einblicke in die Arbeit in einem Waisenhaus dort. „Da hat es klick gemacht.“ Linda erinnert sich an ihre Überlegungen: „Ich hatte noch so viele Kapazitäten und wollte gerne etwas geben. Da ist etwas, das ich noch ausleben möchte.“

Eine soziale Ader hatte die Reporterin schon zu Beginn ihres beruflichen Werdegangs. Seit sie Journalistin ist, hat sie die Leidenschaft bei der Arbeit, Dinge verändern zu wollen. Mit leuchtenden Augen erklärt sie ihre Motivation: „Ich habe mich immer total gefreut, wenn ich über Hilfsvereine etwas geschrieben und die Leser dann reagiert haben, also beispielsweise mitgeholfen oder gespendet. Oder in der Politik hat sich etwas bewegt. Ich habe gemerkt, dass ich durch Papiervollschreiben die Welt ein bisschen besser machen konnte. Das hat mich mein ganzes Arbeitsleben angetrieben und beflügelt.“

2015 berichtete Linda sehr viel über Geflüchtete und war auch in den Erstregistrierungsstellen, um sich ein Bild von der Lage zu machen. „Da haben teilweise um halb vier Uhr morgens vor dem zuständigen Landesamt Jugendliche wartend im Schnee gelegen und Familien mit kleinen Kindern gezittert, damit sie am nächsten Tag gleich rankommen. Das waren absolute Ausnahmezustände. Das hat mich sehr bewegt und das habe ich danach täglich verfolgt.“

Erkenntnis und offene Fragen

Noch im selben Jahr flog Linda nach Griechenland. Am letzten Tag ihres Urlaubs nahm sie sich einen Mietwagen und fuhr an den Strand im Osten, von dem sie wusste: Da kommen die Geflüchteten an. Darüber hatte sie vorher x-mal geschrieben. „Und ich konnte nicht nach Hause, bevor ich das nicht mit eigenen Augen gesehen hatte.“ Sie sah Gummiboote und Menschen in Rettungswesten. Sie knieten nieder. Offensichtlich vor Erleichterung, endlich Land unter den Füßen zu haben und in der Europäischen Union angekommen zu sein. Linda spürte zugleich die Verzweiflung und stellte sich die Frage, wie Europa das schaffen soll.

Zurück in Deutschland wollte Linda sehen, wie Schutzsuchende hier untergebracht werden. „Das Thema hat mich einfach gepackt.“ Und auch das war eine menschliche Herausforderung für die erfahrene Journalistin. Große Gruppen von teils 70 bis 80 Kindern und Jugendlichen waren in den Notunterkünften beherbergt. Fragen schossen ihr in den Kopf: Was soll aus ihnen werden? „Dann schrieb ich darüber, dass Vormünder gesucht werden. Und hörte, dass es auch einen Bedarf an Pflegeeltern gibt.“ Eigentlich wollte Linda nur zu einem Infoabend gehen und sich das mal anhören. Plötzlich hatte sie ein neues Ziel vor Augen: Sie wollte Pflegemutter werden. Und sie begann, den Weg dorthin zu gehen. Schritt für Schritt, immer mit der Option zu prüfen: Schaffe ich das wirklich?

Und wie soll sie das mit dem Beruf vereinbaren? „Einfach war es, glaub ich, für beide Seiten nicht. Ich bin in der Redaktion eine Art ,Rundumjournalistin‘. Ich baue Seiten, redigiere große Geschichten, schreibe auch mal Kommentare und war immer gern auch über mein Heimatressort hinaus für die Zeitung tätig. Zudem habe ich viele eigene Projekte aufgebaut. Von daher bedeutete es für meinen Arbeitgeber erst mal ein Verlust an Arbeitskraft.“ Vorläufig hatte die Redakteurin, auch in Absprache mit Jugendamt und Pflegekinderdienst, ihre Wochenarbeitszeit auf 27 Stunden verkürzt. Derzeit ist sie auf 24 Stunden runter gegangen. Wie sieht es mit Unterstützung aus? Verstehen die Kollegen und Chefs das Vorhaben? „Ich bin sehr bestärkt worden in dem, was ich machen wollte. Nämlich Pflegemutter zu werden und das parallel zum Job.“ Wenn eine Kollegin leibliche Kinder bekäme, stehe das gar nicht in Frage, ob jetzt verkürzt werde. Denn es ist ja klar: Sie ist Mutter und bleibt erst mal zu Hause. Trotzdem hatte sie ein komisches Gefühl, weil sie dachte: „Ist ja ,nur‘ Pflegemutterschaft und wer weiß, wie lange das Pflegeverhältnis andauern wird.“ Aber von den Kollegen und der Chefredaktion sei sie sehr unterstützt worden. „Das haben mir alle gegönnt und viele haben mich in meinem Vorhaben bestärkt.“ Natürlich hatte sie trotz aller Begeisterung auch ihre Bedenken: „Für mich selber war es auch ein schwerer Schritt. Ich war und bin ziemlich ehrgeizig und gehe sehr in meinem Beruf auf. Es fällt schwer, loszulassen von Themen, von Sachen, die mir wichtig sind. Daher war es für beide kein leichter Schritt.“ Aufgeben wollte sie ihren Job aber keinesfalls: „Es ist der bunte Alltag, der mir auch nach 30 Jahren noch nicht langweilig geworden ist.“

Der neue berufliche Alltag

Man sieht Linda an, dass das Projekt Pflegemutterschaft eine Herzensangelegenheit für sie ist. Immer wieder betont sie, dass sie all die Umstellungen gern in Kauf genommen hat. Ihre Arbeit hat sich dadurch sehr verdichtet und sie musste einiges abgeben. Die Federführung bliebe aber weiterhin bei ihr. Die flexiblen Arbeitszeiten ermöglichen es Linda, ihren Tag und den ihres Pflegesohnes aufeinander abzustimmen. „Er ist zunehmend selbstständiger und betont auch, dass er ja jetzt schon groß ist und alles alleine machen kann. Das macht mich ja für den Beruf auch wieder ein bisschen freier. Nur weite, lange Reisen gehen im Moment nicht mehr“, berichtet sie von der Anfangszeit als alleinerziehende Pflegemutter.

Gerade in dieser Zeit musste die leidenschaftliche Reporterin und Nachwuchsfördernde eine schwere Entscheidung treffen. 2004 begründete sie für ihre Zeitung ein soziales internationales Jugendreporterprojekt, für das sie seither auch regelmäßig am Ausland arbeitete. Da stand die nächste große Projektphase mit Vor- und Nachbereitungen über den üblichen Arbeitsalltag hinaus und mit Fernreise im Sommer 2016 an – wenige Monate nach Aufnahme des elfjährigen Kindes. Diese war zeitlich nicht anders einzutakten gewesen. „Als Pflegeelternteil muss man anfangs ein halbes Jahr verlässlich da sein. Ich hatte immer gehofft, dass mein Pflegekinderdienst und das Jugendamt sagen, dass ich doch schon reisen kann, weil es dem Jungen gut geht. Er ist hier sicher gebunden und hat die Gewissheit, er kann bei mir bleiben, so lange er möchte und er mich braucht. Aber für ihn wäre ich gefühlt weg gewesen, also weit weg.“ Diese Entscheidung sei ihr als Mensch und als Journalistin schwergefallen. Und dennoch wollte sie für ihr Pflegekind absolut verlässlich und mit ganzem Herzen da sein. Auch wenn das Projekt ihr „berufliches Baby“ ist, wie Linda es nennt. „Aber es ist ja nicht die letze Runde“, bleibt sie zuversichtlich. Und nun gebe es eben auch ein „privates Baby“.

Seitdem ich einen jungen Geflüchteten bei mir wohnen habe, fasse ich bestimmte, an diesen Erfahrungsbereich geknüpfte Themen nicht mehr an. Da steht meine Unabhängigkeit auf dem Spiel. Arbeit und Privates – das ist getrennt.

Als Journalistin mit großem Erfahrungsschatz weiß Linda Meyer um die Grundsätze publizistischer Texte. Sie hat aus ihrem Privatleben Konsequenzen für ihr berufliches Schaffen gezogen. „Es ist eine Herausforderung für eine Journalistin, sich im Privatleben um das zu kümmern, über das man auch berichtet. Über bestimmte Themen schreibe ich nicht mehr. Also über Geflüchtete schreibe ich noch, aber ich lasse mein Privatleben außen vor. Bestimmte, an diesen Erfahrungsbereich geknüpfte Themen gebe ich an Kollegen ab, aus Kinderschutzgründen und weil ich teils befangen bin. Andererseits bekomme ich auch viele neue Einblicke, die für’s berufliche Dasein förderlich sind.“ Der Punkt journalistische Unabhängigkeitz ist ihr besonders wichtig. „Ich bin weiter in meiner Neutralität. Für mich ist es wichtig, dass ich, trotz meines privaten Engagements, im Beruf weiter neutral bleibe. Das trenne ich in der Berichterstattung ganz klar.“

Die Kuscheltiere sprechen Deutsch

Linda fasst zusammen, dass durch ihr neues privates Leben, welches aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit und der Themensetzung entstanden ist, ihr in ihrem beruflichen Alltag zwar Einschnitte beschert werden. Aber es sei auch eine große Bereicherung: „Ich bin verlässlicher und strukturierter geworden.“ Die neue Aufgabe sei anstrengend, aber zugleich beseelend. Zwar war die Sprache am Anfang mit ihrem Pflegekind ein Hindernis, aber auch dafür fanden die beiden eine Lösung. „Wir haben uns viel über Gesellschaftsspiele wie Jenga oder Uno verständigt.“ Zeichensprache habe es für den Anfang auch getan. Letztendlich ging es wohl doch relativ flott. „Kinder lernen ja auch super schnell.“ Schon in kurzer Zeit lernte er viele einfache Worte und kann bereits komplizierte Konstruktionen, schwärmt Linda stolz von ihrem Schützling. „Er diskutiert mich an die Wand, wenn er was will. ,Meine Güte hat der Junge gut Deutsch gelernt‘, denke ich mir dann. Mit seinen Kuscheltieren redete er, als er noch kleiner war, nur Deutsch, weil die ja auch Deutsch sind. Es ist wirklich schön, zu beobachten, wie sicher er schon ist.“ Heute wunderten sich viele in Pflegefamilien lebende, einst unbegleitete minderjährige Geflüchtete, „wie schlecht manche Kinder Deutsch sprechen, obwohl sie hier geboren sind“.

Struktur im Alltag sei ein ganz wesentlicher Punkt bei der Pflege eines geflüchteten Kindes. „Sie haben während der Flucht auf der Straße geschlafen, sind wochenlang gelaufen und haben schlimme Dinge erlebt. Dinge, die wir uns hier gar nicht vorstellen können.“ Da müsse man erst mal Stabilität gewährleisten. Sicherheit, Halt, Routine. Jeden Tag der selbe Ablauf. So sollte ihr Pflegesohn merken, dass er auf die neuen Verhältnisse zählen kann. Alltägliche Dinge wie der Schulweg stellten neue Herausforderungen dar. Meist kam in der Anfangszeit die Nachricht „ich habe geschafft“. „Manchmal musste ich aber auch los“, erinnert sich die Pflegemama an mühsame Zeiten. Dann ging es mit der Arbeit abends oder nachts weiter.

In der Schule hatte ihr Junge nie Probleme. Über manche Jugendliche, denen er in Deutschland schon begegnet ist, sagt er: „Die tun so als wären sie Araber. Dabei wissen sie nicht mal, wie wir wirklich sind. Nämlich wohl erzogen und höflich und wir würden uns nicht so benehmen.“ Linda ergänzt: „Obwohl er mit seinen Freunden natürlich auch mal über die Stränge schlägt“ und muss über die Direktheit ihres Heranwachsenden lachen.

Besser heute als morgen

Linda hat Bedenken, was die Integration im Allgemeinen angeht: „Ich bin dafür, die Missstände klar zu benennen und zu sagen, wo es nicht klappt. Und das ist leider oft der Fall.“ Sie erinnert sich an eine Zeit, in der schon einmal viele Emigranten nach Deutschland kamen: „Ghettobildung und Parallelgesellschaften sollen nicht erneut so stark entstehen wie damals als viele türkische Gastarbeiter herkamen. Den Fehler machen wir aber gerade. Ich sehe da große Versäumnisse und auch Gefahren.“ Zudem müssten Themen wie der aus ihrer Sicht teils nachvollziehbare Neid anderer benachteiligter Menschen in Deutschland, Gewaltbereitschaft und Versorgungsmentalität unter manchen Geflüchteten sowie die Terrorrisiken und die erwarteten Migrationsbewegungen, auch infolge des fortschreitenden Klimawandels, deutlicher benannt und angegangen werden.

Die Journalistin glaubt, dass persönliche Kontakte der Schlüssel zu einer gelungenen Integration sind. Man „verliert Ängste und schafft Vertrauen.“ Dadurch lerne man die Sprache nebenbei. Das hätten die meisten Geflüchtete aber nicht. Viele säßen arbeitslos, gelangweilt, depressiv und traumatisiert in ihren Heimunterkünften und hätten keine deutschen Freunde. „So werden sie ein Stück weit in die Abhängigkeit durch die Sozialversorgung gebracht.“ Linda hat bereits viele Interviews mit Schutzsuchenden geführt. Sehr viele wollten Deutschland etwas zurückgeben und arbeiten. „Einer hat gesagt ,Ich bin Dachdecker. Das Dach eurer Turnhalle ist total marode, ich möchte das gerne neu decken.‘ Kann er natürlich nicht so einfach, weil wir alle die deutsche Bürokratie kennen. Da hätte das Land vereinfachte Möglichkeiten schaffen sollen, Geflüchteten Arbeit oder Ehrenamt zu ermöglichen und sich für die Gesellschaft einzusetzen. So hätten sie die Chance auf Selbstbestimmung, Selbstvertrauen und auch auf eigenes verdientes Geld bekommen.“

„Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen, inklusive Journalisten und Studenten, sich in ihrem Privatleben persönlich für Menschen in Not engagieren. Es ist immer einfach Papier vollzuschreiben. Es ist schwerer, aber auch bereichernder, es im eigenen Leben umzusetzen. Und immer im Blick haben, dass die eigene Unabhängigkeit gewahrt bleibt und Arbeit und Privates getrennt.“ Schon nach einem ihrer ersten Artikel hatten sich Hunderte Leser gemeldet, die eine Vormundschaft übernehmen wollten. So konnte die Journalistin viele Schutzsuchende mit ihren Vormündern oder auch Pflegeeltern zusammenbringen.

Hier werden Vormundschaft, Pflegeelternschaft und Patenschaft näher erklärt

Neugierig geworden? Hier gibt es mehr zum Thema:

https://www.familien-fuer-kinder.de/

http://www.akinda-berlin.org/

Die Pflegekinderdienste eures Bezirks geben euch auch gern Auskunft

*Namen von der Redaktion geändert

Geschrieben von
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