Absolut Mainstream – Kokain in Berlin

Foto: Yann Thönnessen

Es ist Freitag Abend in Berlin. Sabine macht sich bereit für den Feier-Marathon. Geplant ist eine Tour durch die angesagten Clubs Kater Blau und Berghain und danach bis Montagmittag Afterparty. Wöchentlicher Standard: Der Anruf beim Dealer. „Ohne die gewissen Hilfsmittel macht das keinen Spaß. Das würde ich auch nicht packen.“ Mit Hilfsmitteln meint Sabine Kokain. Und das bringt ihr Dealer sogar bis vor die Tür. Es dauert keine dreiviertel Stunde bis sie eine SMS erhält. „Bin da. Komm runter.“

Kerstin Jüngling ist Geschäftsführerin der Fachstelle für Suchtprävention im Land Berlin. Sie beschreibt Berlin als eine Stadt mit wahnsinniger Geschwindigkeit. Schneller als andere Städte und Länder. „So ein Gefühl hat es in Berlin schon öfter gegeben. Jeder will alles optimieren: Freizeit, Arbeit, Freunde und Schlaf. Das können auch selbst junge Körper nur begrenzt.“ Jüngling hat in den letzten Jahren eine deutliche Zunahme von schnellen Drogen und eine Abnahme von Heroin beobachten können. „In den 70ern galt es Drogen zu nehmen, um aus dem kapitalistischen Schweinesystem auszusteigen. Man wollte Drogen nehmen, die nicht zum Funktionieren, sondern zum Entspannen anregen.“ Heute scheint das Gegenteil der Fall.

Kokain und Amphetamine sind die „höher, schneller, weiter“-Drogen, die mir das Gefühl geben, alles schaffen zu können. Das ist heute gesellschaftlicher Konsens und man ist mainstreamfähig.

Kokain als Mainstreamdroge – wie funktioniert das? Über die Frage wie Sabine, die unter der Woche als Krankenschwester arbeitet, an eine „Koks-Taxi“-Nummer gelangt ist, muss sie lächeln. Da müsse man in Berlin nicht lange suchen. Fast jeder ihrer Freunde habe eine oder mehrerer solcher Nummern in ihrem Handy. „Wenn eine nicht mehr funktioniert, dann ruft man halt die nächste an. Das ist kein Geheimnis mehr. Die kriegst du auf jeder Party.“ So kommen auch Normalos, die keiner bestimmten Szene angehören, bei Interesse sehr schnell mit harten Drogen in Kontakt. Die einfache Beschaffung lässt das zu.

Das Geschäft boomt

Für Olaf Schremm, Leiter des Rauschgiftdezernats in Berlin, ist dieses Phänomen nichts Neues: „Den Kokain-Lieferservice haben wir schon seit mehreren Jahren. Das ist mittlerweile der Schwerpunkt des Kokainhandels in Berlin.“ Für die Polizei sei es sehr schwierig, den illegalen Geschäften nachzukommen, da diese im Verborgenen stattfinden. „Wir können nicht jedes Telefonat überwachen und jedes Fahrzeug anhalten. Wir sind auf anonyme Hinweise und auf Zufallsfunde angewiesen.“

Im Jahr 2016 wurden von der Berliner Polizei über 850 Tatverdächtige im Kokainhandel festgestellt. Eine spezielle Sonderkommission für die Droge kann sich die Polizei nicht leisten. Trotzdem kümmern sich verschiedene Kommissariate um spezielle Bereiche, wie illegale Betäubungsmittel und den Einfuhrschmuggel.

Das Geschäft mit Kokain boomt. Der Nachschub aus Südamerika hält unverändert an. Immer wieder gelingen Fahnder einzelne Erfolge, wie zuletzt der Rekordfund von drei Tonnen im Hamburger Hafen. Der Preis auf dem Markt bleibt aber weiterhin stabil. Das lässt darauf schließen, dass die Beschlagnahmung einzelner Ladungen fest in die Vertriebsstrukturen eingeplant ist. Auf der Straße werden dann ungefähr 0,6 bis 0,8 Gramm für 50 Euro verkauft.

Wege und Mittel

Wie versucht die Polizei diese Problematik explizit in Berlin in den Griff zu bekommen? Werden solche Nummern verfolgt und Treffen zur Festsetzung fingiert? „Die Fahrer sind das unterste Glied in der Kette. Wir sind daran interessiert, den ganzen Lieferservice auffliegen zu lassen. Der einzelne Fahrer ist doch morgen ersetzt“, erklärt Olaf Schremm. „Die Personen dahinter sind viel interessanter, da diese mit großen Mengen von Betäubungsmitteln handeln und permanent für Nachschub sorgen.“

Sabines Dealer wirkt geradezu sorglos und gibt bereitwillig Auskunft: „Vor den Bullen habe ich keine Angst. Wenn Leute hochgenommen werden, dann sind sie unvorsichtig oder prahlen mit ihrem Geld. Ich wechsle ab und zu die Nummer und verlass mich auf meine Kunden.“ Seit fast fünf Jahren fährt er mit seinem Auto fast täglich durch Berlin. Jede Woche kommen neue Kunden hinzu. Die prüfe er erstmal beim ersten Treffen, ob diese sauber seien und Geld haben. „Natürlich gibt es immer ein paar Vögel, die glauben einen verarschen zu können. Aber da habe ich Wege, dass sich das nicht mehr wiederholt.“ Blendet man den Straftatbestand aus, dann wirkt er eher wie ein organisierter, junger Unternehmer. Er verabschiedet sich freundlich und hupt zum Abschied. „Muss los, die Kunden warten.“ An einem guten Abend verdient er bis zu 8000 Euro – unversteuert.

Präventivarbeit ist Senatssache

LKA-Leiter Schremm sieht die Bekämpfung vor allem in der Präventivarbeit. „Unser Part der Prävention beschränkt sich jedoch rein auf den rechtlichen Bereich. Wir können erklären, was die strafrechtlichen Folgen sind – der Rest jedoch ist Aufgabe der Senats- und Gesundheitsverwaltung.“

Landesdrogenbeauftragte der Hauptstadt ist Christine Köhler-Azara. Sie verfolgt das Ziel der Sensibilisierung für Risiken und der Vermittlung von Verantwortung für sich selbst und die eigene Gesundheit. „Im Bereich der Jugendlichen haben wir eher konkrete Ansprachen zu Tabak, Alkohol und Cannabis. Informationsmaterialien zu Kokain sind bei der Fachstelle für Suchprävention verfügbar.“ Außerdem verweist sie auf ein ambulantes Hilfeangebot: „’Kokon‘ in der Galvanistraße 14 in Charlottenburg hat sich auf Kokainkonsumenten spezialisiert. Beratung zu Kokain ist aber auch in allen 13 Drogenberatungsstellen in Berlin möglich. Dort wird auch in Entzugs- und Entwöhnungsbehandlung vermittelt.“

Dialog suchen

Risikoempfinden scheint auch vor allem bei den Wochend- und Partykonsumenten kaum vorhanden. Spaß und Leistung scheinen die Credos der Berliner zu sein. Kerstin Jüngler kritisiert vor allem, dass Reflektionsverhalten in heutiger Zeit nicht mehr angesagt sei. „Wir befinden uns in einer totalen Spaßkurve, in der alle langweilig erscheinen, die nicht mitmachen. Es gibt kaum Aufklärung und offene Dialoge darüber, was passiert, wenn man mit dem Konsum übertreibt.“ Die Partywelt jedenfalls interessiere sich nicht für diejenigen, die am nächsten Tag mit einem Drogenkater im Bett liegen und nicht wissen, ob das Leben noch lebenswert erscheint.

Die Drogen- und „Koks-Taxi“- Szene spielt sich in einem Dunkelfeld und Milieu ab, der von Prävention nicht erreicht wird. Daher will Jüngler das Gespräch eröffnen. Auf der Straße, in den Clubs – vor allem in den Medien. „Wir wollen keine Drogen verbieten. Streng genommen geht uns der Drogenkonsum von anderen Menschen auch nichts an. Aber wir wollen, dass man darüber nachdenkt, ob die Party jetzt nur noch mit einer Line geht, oder ob auch mal nur der Cocktail reicht.“ Dass eine unglaublich hohe Abhängigkeitsgefahr bestünde und man ganz einfach in psychische Metaprobleme reinrausche, sei den meisten Konsumenten weder bewusst, noch würden sie danach handeln. In den Psychatrien finde man dazu auch leider genügend Beweise.

Recht hat sie. Aus den Zahlen der Berliner Suchthilfestatistik geht hervor, dass im Jahr 2013 noch 573 Klienten mit der Hauptdiagnose Kokainabhängikeit und 2016 schon 834 Betroffene ambulant behandelt wurden. Auch im stationären Bereich sind die Zahlen um ein Drittel angestiegen. Eine Entschleunigung Berlins ist in baldiger Zukunft nicht zu erwarten.

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