Der Kampf gegen das Vergessen – Über den Völkermord an Herero und Nama

8. Dezember 2016

Foto: flickr, Raymond June

Die deutsche Kolonialgeschichte liegt mehr als 100 Jahre zurück. Da diese Episode der Historie im Geschichtsunterricht nur selten Erwähnung findet, weiß der Durchschnittsdeutsche wenig über die Geschehnisse in den Kolonien. Andere Dinge werden gerne vergessen, so auch der Völkermord an den Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia. Es ist an der Zeit, sich zu erinnern.

Die Gier nach Land


Wir schreiben das Jahr 1904. In Europa sorgen neue Waffen für eine Aufrüstungswelle in den verschiedenen Armeen. Die benötigten Rohstoffe kommen nicht nur aus den jeweiligen Ländern, sondern auch aus dem Kontinent, den die Großmächte seit dem Ende des 19. Jahrhunderts unter sich aufgeteilt haben: Afrika. In den deutschen Kolonien herrscht das, was der Sozialdemokrat August Bebel in einer Rede vor dem Reichstag als "Prügelkultur" bezeichnet. Die Abgeordneten interessiert das nicht wirklich. Sie beschweren sich lieber über die fehlende Rentabilität der Kolonien.


Die Suche nach Reichtum macht die Kolonialisten in Deutsch-Südwestafrika gierig. Immer tiefer dringen sie ins Land vor, immer häufiger kommt es zu Enteignungen. Es geht vor allem um Land und Wasserrechte, bei denen die Eigentümer von den deutschen Landmachern über den Tisch gezogen werden. Besonders hart treffen diese Unrechtmäßigkeiten den Stamm der Herero. Da dieser durch eine Rinderpest im Jahre 1897 fast 70 Prozent seines Viehbestandes verlor, müssen viele Herero nach einiger Zeit ihr Land verkaufen oder für die deutschen Farmer arbeiten. Diese Arbeit ist alles andere als menschenwürdig. Es gibt wenig Lohn und die Strafen für die Arbeiter, deren Arbeit den Kolonialisten nicht gefällt, sind drakonisch. Der allgemeine Ton wird von der Nilpferdpeitsche angegeben.


Doch in Afrika regt sich der Widerstand. Unter der Führung des Häuptlings Samuel Maharero beginnen die Ovaherero einen Guerillawiderstand zu organisieren, dessen erste Aktion die Plünderung der Stadt Okahandja ist. Die Angreifer kommen schnell zu ersten militärischen Erfolgen, da sie durch Angriffe auf deutsche Einrichtungen gut ausgestattet sind und die zahlenmäßige Überlegenheit auf ihrer Seite haben. Etwa 150 Kolonialisten sterben bei den ersten Angriffen. Die meisten von ihnen sind Männer, da Häuptling Maharero in einem Brief an seine Truppen das Verschonen von Frauen, Kindern und Missionaren befiehlt.


Der Beginn des Völkermordes


Die Reichsregierung in Berlin reagiert in logischer Konsequenz zur harten Linie in den Kolonien. 15.000 Mann werden nach Afrika entsandt, angeführt von einem Mann, der schon den Boxeraufstand gegen die deutschen Kolonialisten in China niederschlug: Lothar von Trotha. Dieser hat eine genaue Vorstellung davon, wie Konflikte zu lösen sind. So schreibt er in einem Brief an Theodor Leutwein, den Kommandeur der deutschen Schutztruppe: „Gewalt mit krassem Terrorismus und selbst mit Grausamkeit auszuüben, war und ist meine Politik. Ich vernichte die aufständischen Stämme in Strömen von Blut und Strömen von Geld. Nur auf dieser Aussaat kann etwas Neues entstehen.“


Diese Aussage ist von Trothas Leitmotiv im Umgang mit den Herero. Der Krieg ist kurz und wird erbarmungslos im heißen Sommer Deutsch-Südwestafrikas geführt. Gegen die mit modernstem Kriegsgerät ausgerüsteten kaiserlichen Schutztruppen haben Samuel Mahareros Truppen keine Chance. Im August 1904 treffen etwa 2.000 deutsche Soldaten am Fuß des Waterberges auf schätzungsweise 3.000 - 5.000 Krieger des Hererovolkes, deren Familien sich in der Nähe aufhalten. Die Schlacht ist kurz. Mehrere Versuche der von Lothar von Trotha befohlenen Armee, die Afrikaner einzukesseln, scheitern. Die überlebenden Herero müssen mit ihren Familien in die wasserlose Omaheke-Wüste fliehen.

Überlebende Herero nach ihrer Flucht durch die Omaheke-Wüste. | Foto: Unbekannt, etwa 1907

An diesem Punkt setzt von Trothas Vernichtungsstrategie ein. Er befiehlt Truppen unter der Leitung von Ludwig von Estorff, den Fliehenden nachzusetzen und sie von den wenigen Wasserstellen abzuhalten. Infolge dieses Befehls werden die Herero durch die Wüste getrieben. Ohne Wasser verdursten viele Stammesleute, andere sterben an Entkräftung. Von Estorffs Schilderungen* des Einsatzes lassen erahnen, mit welcher Härte die Deutschen die Herero verfolgen. Häuptling Samuel Maharero gelingt die Flucht ins britische Protektorat, etwa 1.000 Menschen überleben den Weg durch die Kalahariwüste. Den ankommenden Herero wird unter der Bedingung Asyl gewährt, alle Kampfhandlungen einzustellen.


Furor Teutonicus


General von Trotha schreibt am 2. Oktober 1904 einen offenen Brief an die Herero in Deutsch-Südwest. Die Proklamation geht später als „Vernichtungsbefehl“ in die Geschichte ein. „Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr [...] erschossen“, schreibt der General. „[...] ich nehme keine Weiber oder Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen.“


Der Völkermord in der Omaheke-Wüste ist der Ausgangspunkt für eine Gewaltherrschaft der deutschen Kolonialisten in Afrika. Im Anschluss an die Schlacht erheben sich die Nama unter ihrem Häuptling Hendrik Witbooi. Die Nama führen vor allem Nadelstichattacken gegen die deutschen Versorgungslinien. Gegen die Kolonialisten mit ihren Maschinengewehren wäre es sinnlos für die Einheimischen, den offenen Konflikt zu suchen.


Die Gefangenen werden in Internierungslager wie dem in der Lüderitzbucht gebracht. Dort sitzen sie in kleinen Baracken, in denen Insassen zwar immer genug zu essen haben, jedoch nichts, um sich vor dem kalten Winter im südlichen Afrika zu schützen. Ungefähr drei Viertel der eingepferchten Menschen sterben im Lager. Die sterblichen Überreste werden zum Teil nach Berlin gebracht, um an ihnen Rassenforschung zu betreiben.

Das Konzentrationslager für Herero und Nama auf der Haifischinsel in der Lüderitzbucht. | Foto: Wikimedia Commons, Im Einzelnen unbekannt: Dr. Robert Lohmeyer (Geb. 1879), Bruno Marquardt (1878-1916), Eduard Kiewning (?)

Kaum Interesse an Aufarbeitung


Etwa 100.000 Herero und Nama sterben in den Jahren 1904 - 1908. Drei Viertel des Hererovolkes wurden in diesen vier Jahren ausgelöscht. Der Schießbefehl von Trothas gilt bis heute als Ausgangspunkt des eigentlichen Völkermordes. Die rassistische Behandlung der Einheimischen, die Strafen, die von Deutschen gegen sie verhängt wurden, ihre systematische Tötung in der Wüste und auf offener Straße sind Kolonialverbrechen, die keine Vergrößerung des Einflusses der „Schutzmacht“, wie sich die Deutschen gerne nannten, als Ziel hatten. Sie galten allein der Vernichtung von Herero und Nama.


In heutigen Geschichtsbüchern finden die Ereignisse in Deutsch-Südwestafrika bis heute jedoch kaum Erwähnung. Die deutsche Kolonialgeschichte wird meist nur aus der Täterperspektive behandelt. Selbst in den entsprechenden Leistungskursen ist kaum Zeit, um das Thema länger als eine Woche zu behandeln. Auch viele Lehrer wüssten nicht gut genug über den Völkermord an Herero und Nama Bescheid, um den Unterricht gut zu gestalten. Eine Geschichtslehrerin an einem Gymnasium in NRW beklagt, dass es diesbezüglich kaum Interesse der Lehrer gäbe. Da es jedoch keine Fortbildungen zum Völkermord gäbe und es nicht geplant sei, diese einzuführen, sei es schwierig, daran etwas zu ändern. Ihr pflichtet Niema Movassat von der Partei „Die Linke" bei. Laut ihm sei es ein Problem, dass die Schulbücher immer nur aus der Täterperspektive von den Ereignissen in Afrika erzählen würden. Außerdem müsse die Schulbuchkommission das Thema präsenter in den Geschichtsbüchern verankern.


Auch in der Politik spielte der Völkermord an den Nama und Herero lange so gut wie keine Rolle. Das lag zum einen daran, dass die Bundesrepublik erst seit 1949 existiert und ihr Rechtsvorgänger, das Dritte Reich, kein Interesse an einer Aufarbeitung des Völkermords hatte, da es selbst mit der systematischen Tötung eines Volkes beschäftigt war. Ein anderer Grund ist, dass Namibia erst 1989 unabhängig von Südafrika wurde und damit bisher keine Regierung vorhanden war, mit der die Bundesregierung verhandeln konnte.


Einen dritten Grund spricht Niema Movassat von der Linken an: Die Interessen der Opfer des Kolonialismus seien schlichtweg ignoriert worden, sie seien nicht relevant genug, um sich mit ihnen zu beschäftigen. Das zeigt auch Helmut Kohls erster Besuch in Namibia. Als erstes deutsches Staatsoberhaupt kam er nach Namibia, nahm das Wort "Völkermord" kein einziges Mal in den Mund und sprach vor allem über wirtschaftliche Themen. Die erste Politikerin, die nach Namibia reiste und sich entschuldigte, war Heidemarie Wieczorek-Zeul im Jahr 2004. Sie nahm am Hererotag – dem offiziellen Gedenktag der Herero – teil und weinte während ihrer Rede. In Deutschland wurde sie dafür kritisiert. Christian Ruck von der CSU bezeichnete ihr Verhalten als „teuren Gefühlsausbruch“ und erklärte: „Klagen in Milliardenhöhe gegen Deutschland sollte keine unnötige Munition geliefert werden.“


Entwicklungshilfe statt gezielter Entschädigung


2016 erkannte die Bundesregierung den Völkermord erstmals in einem offiziellen Dokument als solchen an. Auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion antwortete die Bundesregierung, die Einstufung als Genozid spiegele ihre Position wieder. An dieser Anfrage der Linken arbeitete auch Niema Movassat mit. Der Jurist macht sich für eine konsequente Aufarbeitung der Kolonialverbrechen stark. In den Bereich der Aufarbeitung fällt auch die Entscheidung über eine Entschädigung für die Nachkommen der Opfer. Da die Armut in den Gebieten der Herero und Nama deutlich größer sei als im Rest des Landes, müsse ein finanzieller Ausgleich gezahlt werden. Denn bei den Forderungen der Opferverbände handele es sich nicht um Individualzahlungen, sondern um finanzielle Unterstützung bei der Stärkung der Infrastruktur in Herero- und Namagebieten. Vor allem das Schul- und Gesundheitssystem müsse verbessert werden.


Die Bundesregierung hingegen verhandelt nicht mit den Opferverbänden, sondern mit der Namibianischen Regierung. Das ist ein Problem, weil der gezielte Einsatz von Geldern in vom Völkermord betroffenen Gebieten nicht sichergestellt werden kann. Die Betroffenen dürften nicht von den Verhandlungen ausgeschlossen werden. Eine andere Meinung hat Dr. Egon Jüttner von der CDU. Er sagt, die Verhandlungen mit der Namibianischen Regierung seien der richtige Weg. Namibia sei das Zentrum der deutschen Entwicklungshilfe, da es weltweit die höchsten Entwicklungshilfeleistungen pro Kopf erhalte.


Die Erinnerung muss gewahrt werden


Beide Abgeordneten sind sich jedoch darüber einig, dass weiter an einer Aufarbeitung der Kolonialzeit gearbeitet werden müsse. Jüttner hofft auf eine offizielle Entschuldigung der Bundesregierung am Ende des Dialogprozesses mit Namibia. Movassat geht dagegen noch einen Schritt weiter. Er plädiert für ein Denkmal, dass in Berlin an die ermordeten Herero und Nama erinnern soll. Außerdem sollten Straßennamen, die die Namen von Kolonialverbrechern wie von Trotha oder Lüderitz tragen, verändert werden. Gleiches gelte für Straßennamen, die rassistische Beschreibungen enthalten. Eine Mohrenstraße dürfe es im Jahr 2016 nicht mehr geben.


Und Movassat hat recht. Die Erinnerung an den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts darf nicht aus den Köpfen der Deutschen verschwinden. Grade in einer Zeit, in der rassistische Ressentiments gesellschaftsfähig geworden sind, ist es wichtig, sich der Verantwortung Deutschlands im Dialogprozess mit Namibia bewusst zu sein. Die Teile Namibias, in denen Herero und Nama starben, sind heute deutlich ärmer als der Rest des Landes, eine direkte Nachwirkung des Genozids. Deshalb muss nicht (nur) mit der Namibianischen Regierung verhandelt werden, sondern auch mit den Interessensvertretern der Opfer. Auch in der Schule sollte Platz sein, um etwas über den Genozid in Deutsch-Südwest zu lernen, denn viele Deutsche kennen sich bei diesem Thema so gut wie gar nicht aus. Das sollte unbedingt geändert werden. Denn dieser Völkermord ist genau das, was der Name sagt: ein Völkermord. Und als solcher muss er in Erinnerung gehalten werden.

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