Aufstand im Schlaraffenland

Rosenheim, das ist ein Landkreis in Oberbayern mit der gleichnamigen kreisfreien Stadt. Rosenheim, das sind 1.439,54 km² schönstes Alpenvorland. Rosenheim, das ist nach Einwohnerzahlen der zweitgrößte Landkreis nach München. Bis auf einen erhöhten Bekanntheitsgrad wegen einer Vorabendserie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen hat die Stadt keine herausstechenden Merkmale im Vergleich zu anderen mittelgroßen Städten in Deutschland. Jedes Jahr gibt es ein Sommerfestival, bei dem bekannte Künstler auftreten. Im Herbst findet ein Bierfest statt.

Die Geschichte hat es gut gemeint mit diesem Landstrich. Anders als in anderen provinziellen Teilen der Bundesrepublik ist man nicht abgeschnitten von der großen weiten Welt. Die Autobahn bringt einen innerhalb von vier Stunden nach Italien. Durch die Nähe zur Landeshauptstadt München ist Rosenheim attraktiv für Pendler.

Rosenheim ist jedoch auch vor allem eines.

Konservativ.

Seit 1953 hat die CSU hier sämtliche Wahlen für sich entscheiden können. Doch es rumort auf dem Land. Zwar konnte die CSU-Abgeordnete Daniela Ludwig mit knapp 46 Prozent ihr Mandat bei der Bundestagswahl 2017 verteidigen, verlor jedoch knapp 14 Prozent der Stimmen im Vergleich zur Wahl 2013. Wenig überraschend ist auch der Aufschwung der Alternative für Deutschland (AfD), die im Bundestagswahlkreis Rosenheim 14 Prozent der Zweitstimmen für sich beanspruchen konnte. Im CSU-Stammland gärt es. Auf dem Papier können sich die Christsozialen zwar noch mit Abstand als stärkste Kraft behaupten, doch ist eine zunehmende Unzufriedenheit in der einst so treuen Wählerschaft zu spüren.

Ergebnis nach Zweitstimmen. Quelle: Bundeswahlleiter

Schnell war nach der Bundestagswahl von der Stärke der AfD in den neuen Bundesländern die Rede. Begründungen für die Wahlergebnisse wurden in der Rückständigkeit der Ostdeutschen Bundesländer gesucht, das Gefühl des Abgehängt-Seins oft zum Thema gemacht. Der Osten als Sündenbock. Der Fakt, dass die AfD zwei Drittel ihrer Stimmen in den Westdeutschen Bundesländern holte, wurde gerne ausgeklammert.

In Bayern konnte die rechtspopulistische Partei in vielen Bezirken die SPD übertrumpfen. Auch in Rosenheim. Die wirtschaftliche Lage in diesem Landstrich kann nicht mit der in den Ostdeutschen Bundesländern verglichen werden. Die Arbeitslosenquote ist mit 2,3 Prozent, im Vergleich zur bundesdeutschen Quote, deutlich niedriger (Bund: 3,9 Prozent), das Einkommen mit 2169 Euro um zehn Prozent höher als der bundesweite Durchschnitt. Landkreis und Stadt erscheinen als Vorzeigeobjekt bayerischen Lebensstils.

Hier scheint die von Roman Herzog geprägte Metapher von „Laptop und Lederhose“ zuzutreffen. Die perfekte Symbiose aus Tradition und Moderne. Abgehängt braucht sich hier also keiner fühlen, der Lebensstandard ist einer der höchsten in ganz Deutschland. Und trotzdem wählen 14 Prozent der Einwohner eine Partei, die sich als ein Sprachrohr der Abgehängten und der Unzufriedenen versteht. Warum?

Die Antwort auf diese Frage ist nicht singulär. Um herauszufinden, warum die Alternative für Deutschland auch Erfolge in wohlhabenderen Gebieten Deutschlands feiern konnte, muss man tiefer gehen. Man muss Gespräche führen. Und man muss versuchen zu verstehen, was die Leute fühlen und welche Ängste sie haben. Ein Streifzug durch ein Deutschland jenseits des Großstadtlärms.

Leben auf dem Land: Jenseits des Großstadtlärms, Foto: Antenne Bayern

Im Taxi

Kreisfreie Stadt Rosenheim, 61 844 Einwohner, 2. Dezember 2017, 03:45 Uhr

Der Schlag kommt unerwartet. Ein Schrei. Ein Sturz. Angetrunkene Halbstarke liefern sich eine Rangelei. Samstagabend in Rosenheim.
Es schneit. Das „Bermudadreieck“ in Rosenheim besteht aus drei Bars, die ungefähr jeweils zehn Meter auseinanderliegen. Hier spielt sich das Rosenheimer Nachtleben ab. In die umliegenden Dörfer fährt einen in den frühen Morgenstunden nur der Partybus um 02:00 Uhr, ansonsten ist das Taxi die einzige Option.

Einer der Leute, deren Aufgabe es ist, das müde Partyvolk nach Hause zu bringen, ist Berat. Kopfschüttelnd betrachtet er aus sicherer Entfernung die Halbstarken, die mittlerweile dazu übergegangen sind, sich gegenseitig ihre Abneigung mit Ausdrücken der derberen Art kundzutun. „Jedes Wochenende derselbe Scheiß“, Berat zieht kräftig an seiner Zigarette. Der Rauch steigt auf in die kalte Nacht.

„Wohin willst du? Brannenburg? Alles klar, steig ein.“

Mit einem Zischen fällt die Zigarette auf den Boden, die Autotür schnappt zu, der Motor springt an und los geht die Fahrt. Weg von den grölenden Betrunkenen, weg von den Bars, aus der Stadt hinaus, hinein in die Dunkelheit des ländlichen Raums. Das Taxi steht gerade an einer Ampel irgendwo im Nirgendwo, Berat sagt: „Krass kalt heute“. Das Thermometer zeigt einen Wert im Minusbereich an. Ja, stimmt. Es ist sau kalt. Hier, im Schatten der Alpen.

Berat ist Deutscher. Seine Eltern stammen aber aus der Türkei. Er ist 31, hat zwei Kinder und lebt mit diesen und seiner Frau in einer kleinen Wohnung in einem Vorort von Rosenheim. Berat und seine Familie würden gerne in eine größere Wohnung ziehen, die Suche nach Wohnraum gestaltet sich aber schwierig.

„Weißt du, es ist nicht leicht, eine Wohnung zu finden. Ich suche mit meiner Frau schon ein knappes Jahr. Aber irgendwie bekommen wir einfach keine Wohnung. Letztens wurde ich zu einer Besichtigung eingeladen, aber ich war noch nicht ganz in der Wohnung drin, da hat mir der Eigentümer gesagt, dass die Wohnung vergeben ist. Das ist nicht das erste Mal, das mir so etwas passiert. Am Anfang habe ich mir noch keine Gedanken darüber gemacht. Aber mittlerweile glaube ich, dass das vielleicht schon daran liegen könnte, dass mein Nachnahme nicht Deutsch klingt, und dass ich halt nicht wie eine Kartoffel aussehe.“
Er lacht bitter. Man merkt die unterdrückte Wut, die die Tachonadel auf der Geschwindigkeitsanzeige nach oben ausschlagen lässt.

Taxifahrt nach Brannenburg, Foto: Julia Mühlbeyer

Das angesprochene Thema ist bekannt. Die Diskussion um die Diskriminierung von Bürgern mit Migrationshintergrund bei der Suche nach einer Wohnung ist Deutschlandweit ein Thema. Besonders in Bayern. Eine Studie des Bayerischen Rundfunks in Zusammenarbeit mit dem Magazin „DER SPIEGEL“ zeigte auf, dass auf dem ohnehin schon hart umkämpften Wohnungsmarkt München Bewerber mit Migrationshintergrund 46 Prozent weniger Chancen haben, eine Wohnung zu bekommen als ihre Mitbewerber mit deutschen Wurzeln.

Grafik: https://www.hanna-und-ismail.de

Eine dreiviertel Stunde südlich der Landeshauptstadt ist das Problem fast genauso eklatant. Diskriminierung ist in Bayern offiziell kein Thema. Das ist unter anderem aber auch deshalb so, weil man lieber unter sich bleibt.

„Ich habe jahrelang Fußball im Verein gespielt, habe Freunde, die keinen Migrationshintergrund haben. Ohne den Fußball bin ich mir aber sicher, dass ich weniger deutsche Freunde hätte. Ich habe Freunde mit Ausländerhintergrund, die bleiben unter sich. Die haben auch nichts mit den Deutschen zu tun.“

Berat sagt das ganz ruhig.

„Ob ich schon mal wegen meiner Herkunft beleidigt worden bin? Nee, ist mir noch nie passiert. Aber man weiß ja nicht, was die Leute hinter dem Rücken sagen.“

Das Auto fliegt durch die finstere Nacht. Im Schneetreiben wirkt es fast so, als ob man nicht mehr auf einer Landstraße im südlichsten Bayern ist. Man fühlt sich eher wie in einem Cockpit eines Raumschiffs vor einem Sprung in den Hyperraum.

Die Mercedes B-Klasse nähert sich im dumpfen Schein des lichtabsorbierenden Schnees seinem Ziel. Mit einem Ruck kommt das Taxi zum Stehen. Ein kurzes „Schönen Abend“ noch, dann schnappt die Autotür zu, das Taxi fährt an und verschwindet in der kalten, verschneiten Nacht.
Der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund beträgt in Rosenheim laut dem Zensus 2011 16,9 Prozent. Dieser Anteil fällt jedoch nicht im Stadtbild auf. Man lässt sich gegenseitig in Ruhe. Jahrelang hat das funktioniert.

Dann kam die Flüchtlingskrise.

Die besorgten Bürger

Brannenburg, Landkreis Rosenheim, 5692 Einwohner 1. Dezember 2017, 20:30

Das örtliche Dorfpub ist eine Institution. Eine Heimat für all diejenigen, die hier ihr Feierabendbier genießen wollen. Für all diejenigen, die keine Familie haben. In einem Dorf, in dem es praktisch nur Familien gibt. Für all die Familienväter, die mit ihren Freunden auf ein Bier gehen wollen. Für die jungen Teenager, die sich das erste Mal einen Rausch ansaufen wollen. Verschiedenste Menschen verschiedenster Ansichten treffen sich hier.

Die Kneipe ist nicht groß. Es gibt einen Tresen und zwei Sitzecken. Alles ist in dunklem Holz gehalten, das so ölig schimmert, als ob man jahrzehntelang Bier darüber gegossen hätte. In einer der Sitzecken sitzen zwei Männer, Mitte 30, und trinken ihr Feierabendbier. Die beiden diskutieren über die gerade gescheiterten Sondierungsverhandlungen und wie es jetzt weitergehen soll mit der Regierung. „Den Politikern geht’s doch nur um die Kohle! Denen ist es doch egal, was da bei uns passiert ist die letzten zwei Jahre!“ Kopfnicken auf der anderen Seite des Tisches.

Das örtliche Dorpub: Eine Institution Foto: Manuel Auer

Im Jahr 2015 war Rosenheim im Zentrum der Flüchtlingskrise, ca. 2.000 Geflüchtete kamen jeden Tag über die Grenze. Mit dem Zug. Mit dem Auto. Zu Fuß.

Die Behörden stießen an ihre Grenzen. Jetzt, zwei Jahre später, fliegen immer noch Hubschrauber an der Grenze zu Österreich Patrouille. Obwohl die Zuwanderung durch die Schließung der Grenzen stark nachgelassen hat und die Verteilung der Geflüchteten auf die verschiedenen Gemeinden abgeschlossen ist, ist die Region immer noch nicht zur Ruhe gekommen.

Die Silvesternacht von Köln hat auch hier, im tiefsten Bayern, Spuren hinterlassen. Nicht gerade hilfreich waren Übergriffe von Asylbewerbern auf einheimische Frauen, wie Anfang September dieses Jahres in Riedering, einem kleinen Dorf im Landkreis. Sie hatten zur Folge, dass Argwohn in starke Ressistements umschwang. Viele Erstaufnahmelager waren überfüllt.

Die Praxis, Unterkünfte auf dem flachen Land einzurichten, überforderte die Verantwortlichen vor Ort oft. Zudem barg die Unterbringung von Menschen aus verschiedensten Kulturen ein immenses Konfliktpotential.

Für viele ist das Thema unter den Tisch gekehrt worden. Man fühlt sich von der Politik ignoriert.

Währenddessen haben sich in der Kneipe in Brannenburg die zwei Stammgäste in Rage geredet. „Bei uns finden junge Familien keine Wohnungen, weil die Asylanten den Wohnraum weggenommen haben“, sagt der eine und spielt nervös mit seinem Bierglas herum. „Die Neger kriegen doch alles in den Arsch gesteckt“.

Neger.

Das Wort ist im ländlichen Raum ein geläufiges Wort für Menschen dunklerer Hautfarbe. Wenn man auf den rassistischen Kontext des Wortes hinweist, ist schnell die Antwort parat: „Das ist nicht rassistisch gemeint, das ist einfach unser Wort für solche Menschen.“ In Bayern ist Rassismus nicht laut. Er ist subtil. Der Rassismus im Alltag äußert sich in Bayern eher in einer Art Getuschel. Man würde nie jemanden persönlich beschimpfen, aber unter Freunden fallen dann doch Sätze wie „hast du den Kanacken gesehen?“ „Oida, war der grad Schwarz!“

Im Dorfpub sind die zwei Männer mittlerweile zu einem mantra-artigen Wiederholen von ablehnenden Phrasen übergegangen. „Ich mag die hier nicht haben! Es gibt bloß Ärger mit denen!“ Irgendwann ist das Bier leer. Es wird gezahlt.

Zum Selbstverständnis der Bayern zählt das Wissen um die eigene Identität. In Rosenheim ist das besonders zu spüren. Traditionen werden noch hochgehalten - und sind nicht Teil einer Folklore, an der man die Lederhose oder das Dirndl als Art Faschingskostüm missbraucht. Das Wissen um die eigene Identität ist ein essentieller Bestandteil in Oberbayern. Die einzigartige Kultur ist ein Teil davon. Zu wissen, wer man ist und wo man hingehört. Und stolz darauf zu sein, dass man aus Bayern kommt.

Erntedankfest in Rosenheim: Traditionen werden hochgehalten. Foto: Isabella Schwaiger

Lokalpatriotismus ist etwas ganz Normales. Der Stolz auf die eigene Heimat, die eigene Herkunft, ist in ganz Deutschland verbreitet. Hier, an der Grenze der Alpen, ist der Lokalkolorit besonders stark. Durch die gemeinsamen Werte und Traditionen wird das Gefühl, etwas Einzigartiges zu sein, gefördert.

Ob dieser Heimatpatriotismus ein Mitgrund dafür ist, warum Rosenheim als anfällig für rechtes Gedankengut gilt, sei dahingestellt. Fakt ist, dass schon 1989 die rechtspopulistische Partei „Die Republikaner“ hier mit 22,1 Prozent ihr gesamtdeutsches Spitzenergebnis erzielen konnte.

2017 ist es nun die AfD mit 14 Prozent zweitstärkste Kraft.

AfD

Kreisfreie Stadt Rosenheim, 61.844 Einwohner, 4. Dezember 2017, 11:00 Uhr

Der Max-Josef-Platz in der Mitte von Rosenheim ist der zentrale Platz der Stadt. In der Adventszeit findet hier ein hochfrequentierter Weihnachtsmarkt statt. Es gibt heiße Maronen, Bratwurst und Glühwein. Ein typischer Weihnachtsmarkt also, wie es deutschlandweit tausende gibt. Neu sind die Betonklötze an den Eingängen.

Betonpoller am Eingang des Weihnachtsmarktes. Foto: Felix Graf

„Merkel-Legos“ nennt Andreas Winhart diese Betonpoller, die als Sicherung vor etwaigen Amokfahrten aufgestellt worden sind. Der AfD-Direktkanditat für die Bundestagswahl 2017 im Wahlkreis 222 Rosenheim wirkt müde, als er ein Café am Max-Josef-Platz betritt. Erst spät in der Nacht ist er vom AfD-Parteitag aus Hannover zurückgekehrt. Die Partei hat auf diesem mit Alexander Gauland und Jörg Meuthen zwei Angehörige des rechts-nationalen Flügels zu ihren Vorsitzenden gewählt und ist damit nochmal ein Stückchen weiter nach rechts gerückt.

Winhart ist 34 Jahre alt, Diplom-Politikwissenschaftler und Diplom-Betriebswirt. Er arbeitet als Medizinproduktberater, in seiner freien Zeit ist er für die AfD unterwegs. Der stellvertretende Vorsitzende des AfD-Kreisverbandes Rosenheim war vor seiner Mitgliedschaft bei der Alternative für Deutschland 15 Jahre bei der CSU und in der Jugendorganisation und bei den Christsozialen tätig.

Den Erfolg seiner Partei erklärt sich so: „Wir stellen bei uns fest, dass wir mit regionalen Themen zusätzlich Punkten. Ich betone aber zusätzlich. Wir schwimmen natürlich auf der Erfolgswelle, die unsere Partei auf Bundesebene hat. Das sind natürlich auch die Themen, die die Leute hier angehen.“ In Rosenheim sei man gerade als Verkehrsknotenpunkt bei der Asylkrise betroffen gewesen.

Schwimmt mit seinem Kreisverband auf einer Erfolgswelle: Andreas Winhart Foto: Felix Graf

„Jeder kann es sehen, am Bahnhof die großen Zelte von der Bundespolizei. Die stehen heute noch da. Die Pendler haben das im März, April 2015 schon mitbekommen, als Hundertschaften von sogenannten Flüchtlingen ankamen.“

Winhart redet ruhig und klar. Er nimmt einen Schluck von seinem Milchkaffe.

„Man muss auch sagen: Die Kommunalpolitik hat sich auch extrem stark gemacht pro Flüchtlinge. Das hat natürlich auch zur Politisierung des Ganzen beigetragen. Mittlerweile ist der Status so, dass keiner mehr am Bahnhof steht und klatscht, sondern es will wieder keiner gewesen sein.“

Der Aufstieg der AfD kann nur mit dem Abstieg der CSU verbunden werden. Das ständige Umschwenken der Union in Sachen Asypolitik hat dazu geführt, dass Teile der Bevölkerung das Vertrauen zu ihrer Stammpartei verloren haben. Den staatlichen Institutionen im ländlichen Raum oblag es nach der Flüchtlingskrise, die Asylbewerber auf die umliegenden Dörfer zu verteilen. Dies sorgte bei der Bevölkerung für großen Protest.

In der Gemeinde Oberaudorf nahe der österreichischen Grenze wurde 2016, während eines Sonntagsgottesdienstes, auf die Gefahr einer Parallelgesellschaft hingewiesen. Die Silvesternacht von Köln und die vereinzelten Übergriffe von Flüchtlingen auf Frauen schürten die Ablehnung. Umso größer dann der Ärger, als der Staat die Bedenken seiner Bürgerinnen und Bürger ignorierte, da in diesem Moment keine andere Lösung umsetzbar schien.

Bei der Wahl dann die Quittung. Und das, obwohl die Führungsspitze der CSU mit den Forderungen nach einer Obergrenze und einem 7-Punkte-Sofortprogramm versuchte, die Wähler wieder für sich zu gewinnen. Auch der bisweilen öffentlich ausgetragene Zwist zwischen dem CSU-Vorsitzenden Seehofer und Bundeskanzlerin Angela Merkel mag zu dem Denkzettel geführt haben, den die Wähler der konservativen Volkspartei verpasst hab.

In Rosenheim rührt Andreas Winhart in seinem Kaffee. Er schmunzelt.

„Natürlich hat uns das auch in die Hände gespielt, keine Frage.“ Den erwarteten Rechtsruck der CSU mit ihrem neuen Spitzenkandidaten Markus Söder sieht er gelassen. „Wir sind das Original. Die Leute wissen das.“ Er trinkt noch einen letzten Schluck. Dann zieht er hinaus auf den vorweihnachtlichen Max-Josef-Platz.

Angst ist ein großes Thema, wenn man verstehen will, warum sich Menschen auf dem Land, egal ob sie in Bayern oder in Brandenburg wohnen, für die AfD entscheiden. Angst vor den anders aussehenden Menschen. Angst vor ihrer uns fremden Lebensweise und Angst vor Verdrängung.

Möchte man meinen.

In Wirklichkeit ist es nicht die Angst vor dem Fremden, was die Menschen umtreibt. Es ist die Angst vor der Welt selbst.

Blick vom Wendelstein in Richtung Rosenheim. Foto: SchwartzKS

Der Wendelstein ist ein 1.838 Meter hoher Berg.

Wenn man bei schönem Wetter von seiner Spitze hinab auf den darunterliegenden Landkreis und die Stadt Rosenheim schaut, sieht man weites Grün, bisweilen unterbrochen von kleineren Ansiedlungen und Dörfern. Und genau hier muss man ansetzen, wenn man von Angst spricht. Die Menschen hier leben in einem kleinen Paradies. Sie sind daran gewohnt, dass alles seinen geregelten Ablauf hat. An die Zeiten von großer Not und Armut erinnern sich nur noch die Großeltern. Die große, weite Welt lässt man vielleicht gerade noch zur Tagesschau und dem All-inclusive Urlaub rein. Jungen Leuten vom Dorf ist es schon zu weit, die 45 Minuten nach München zu fahren, um mal etwas Neues zu erleben. Warum auch wegfahren, wenn es nirgendwo so schön ist, wie bei uns?

Die Distanz, auf die man zu der Welt außerhalb des ländlichen Raums gegangen ist, ist nicht räumlich zu begreifen, sondern eher psychisch. Die Globalisierung hat auch vor der Region an den Alpen nicht haltgemacht. Konzerne wie der Schuhersteller Gabor oder der Antennenhersteller Kathrein genießen Weltruf. Doch viele Einwohner bleiben skeptisch. Sowohl die Globalisierung, als auch die Digitalisierung werden als Fremdkörper betrachtet, die die friedlichen Landstriche des Voralpenlandes und deren Bewohner bedrohen. Besonders die Mittelschicht hat Angst, ihren Status zu verlieren. Das Gefühl, aus den Großstädten wie beispielsweise München oder Berlin bevormundet zu werden, ist zudem sehr ausgeprägt.

Es ist ein Paradoxon. Auf der einen Seite regt man sich auf, weil das Handynetz im Vergleich zur Stadt schlecht ist. Auf der anderen will man keinen neuen Sendemast, weil das die Landschaft verschandeln und man möglicherweise Schaden an den vom Mast ausgesendeten Strahlen nehmen könnte.

Nächstes Jahr stehen Landtagswahlen an, laut INSA-Umfrage wäre die CSU mit aktuell 40 Prozent der Stimmen zwar noch eindeutig stärkste Kraft unter dem blau-weißen Himmel. Doch mehrheitsfähig wäre die Partei nicht mehr. Ob die von Ministerpräsident Seehofer formulierte „rechte Flanke“ bis zur Landtagswahl im Herbst nächsten Jahres geschlossen werden kann, wird sich noch herausstellen. Bis dahin kann Rosenheim wieder das sein, was es eigentlich auch ist.

Ein verschlafenes, wunderschönes Stück Land zwischen München und den Alpen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.