You go girl?

Hetären der Antike. Schön, klug, hoch angesehen, Prostituierte (Foto: Klett-Cotta)

Ein reicher Geschäftsmann nimmt eine Prostituierte als seine Begleitung mit zu einem Geschäftsessen. Weil er nicht alleine auftauchen kann und weil er Professionalität schätzt. Soweit, so gut. Die Umgangsformen sind schnell gelernt, ein Kleid nach vielen Umständen gekauft. So wird aus der Prostituierten von der Straße die perfekte Abendbegleitung. Aus Pretty Woman wird Escort.

Das alles ist nicht nur Fiktion. Escort-Damen bieten Dinner Dates, Barbesuche oder Opern in Gesellschaft einer gebildeten, witzigen und nicht zuletzt schönen Partnerin an. Und sie begleitet auch bis ins Schlafzimmer. Allerdings stellen sich so viele Fragen: Was macht laut Agenturen Escort zu einem „eleganten Studentenjob“? Was suchen Männer in einer Escort-Begleitung? Und was spielt das Gesetz für eine Rolle, das angeblich nur noch besser schützen soll?

Buisness only

Statistiken über Escort in Berlin (Foto: escort-berlin.de)

Anna* ist eine Studentin aus Hamburg: Tagsüber Uni, danach zum Sport und am Wochenende mit Freundinnen zum Shoppen. Alles ziemlich normal. Ihre Abendessen sind das aber meistens nicht. Sie trifft sich mit reichen Männern zum Geschäftsessen und wird dafür bezahlt, arbeitet im Nebenjob als Escort. Da fängt bei den meisten Menschen schon das Kopfkino an. Junge Frau trifft älteren Mann. Das muss sicherlich in seinem Hotelzimmer enden. Tausende Agenturen bieten genau das an: Man sucht sich ein Mädchen aus, trifft sich mit ihr und hat dann die Gewissheit, dass man sich nach dem Date nicht im Restaurant trennen muss. Immerhin wird dafür gezahlt. Zumindest bei Anna ist das nicht so. Sie hatte in drei Jahren noch nie eine sexuelle Beziehung zu einem ihrer Kunden.

Zwar ist dieser Fall eher die Ausnahme, aber auch Christian* sucht übers Internet speziell nach Escorts für Geschäftstermine, zu denen er nicht alleine gehen kann. Zwar ist das für ihn auch in gewisser Weise komisch, aber manchmal die einzige Möglichkeit, kurzfristig ein verlässliches Date zu haben.

Die hedonistische Seite der Erotik

Salomé Balthus (Foto: StudioFourtyFour)

Salomé Balthus hat ebenfalls als Studentin angefangen, abseits der typischen Nebenjobs, Geld zu verdienen. Das Stipendium für ihr Philosophie-Studium war ausgelaufen. Irgendwo muss das Geld für Wohnung und Leben herkommen. Glücklicherweise, so sagt sie, war ihre erste Agentur ein absolut positives Erlebnis, anstatt am Anfang nur negative Erfahrungen zu machen und sich dann daran zu gewöhnen.

Heute, einige Jahre später, ist sie selbstständig, denn nur so kann sie vollkommen zu ihren Preisen arbeiten und muss niemandem einen Teil ihres Lohnes abgeben. Salomé ist die Gründerin von Hetaera, einem Portal auf dem sich selbstständige High Class Escorts zusammentun und ein Modell ohne Agenturen geschaffen haben. Jede hat ein eigenes Kontaktformular, antwortet selbst auf Anfragen und verabredet sich. Es wird nicht einfach jemand gebucht, die gerade zufällig Zeit hat. Kosten für die Website, Bilder und alles andere sind aufgeteilt, eben keine Agentur. Jede behält das Geld, das sie verdient, für sich, ohne Abgaben von ungefähr 40% an einen Vermittler. Das ist für Salomé „die fairste Art und Weise diesen Job zu machen“.

Sie sind Hetären. Im Griechenland der Antike waren diese Frauen gesellschaftlich hoch angesehen und nicht nur gebildet, sondern vor allem sehr künstlerisch begabt. Und Prostituierte. Kunden zahlen für die gemeinsame Zeit, keiner ist zum Sex verpflichtet und doch ist es trotzdem das, worum es geht.

Ich hoffe, dass bald mehr Frauen sich zusammentun, sich ’ne Website bauen, Kontaktformulare mit ihren Mail-Adressen verlinken und dann, go girl, einfach allein ihren Job machen. Ohne Agentur, ohne Zuhälter. Das soll Schule machen.

Hetaera ist anders. Man ruft nicht einfach irgendwo an und hat 30 Minuten später ein Mädchen in seinem Hotelzimmer. Ein Date braucht Vorbereitung und muss mindestens einen Tag im Voraus gebucht werden. Treffpunkt ist immer zuerst ein Restaurant, eine Bar oder das 5 Sterne Hotel, keine Privatwohnungen. Wenn man sich nicht sympatisch ist, ist das auch kein Problem. Alles kann, nichts muss.

Schutz oder Schein?

Seit Mitte des Jahres gilt nun ein neues Gesetz, das Anna, Salomé und tausend andere Frauen in Deutschland noch mehr schützen soll: Das Prostituiertenschutzgesetz. Damit einher geht der sogenannte „Hurenpass“, den man bei der Arbeit immer dabei haben muss und der von jeder Agentur und jedem Bordell eingefordert werden muss, bevor man dort arbeiten kann. Seit dem 1. Juli 2017 und bis spätestens zum 31. Dezember 2017 müssen nun alle Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter sich bei den betreffenden Ämtern anmelden. „Es ist dabei egal, ob die Dienstleitung regelmäßig oder gelegentlich, haupt- oder nebenberuflich ausgeübt wird“, sagt der Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e. V. (BesD). Tun sie das nicht, droht ein Bußgeld von bis zu 1.000 Euro.

Die Realität sieht anders aus. Personell und organisatorisch sind noch nicht alle Ämter in der Lage, die erforderliche Gesundheitsberatung zu garantieren und danach Pässe auszustellen. So ist das auch in Berlin. Es werden vorübergehende Bestätigungen ausgestellt. Laut der zuständigen Senatsverwaltung haben sich in der Hauptstadt bisher nur 76 Frauen angemeldet (Stand Oktober 2017). Es werden aber, je näher der Stichtag rückt, umso mehr. Zeit, Personal einzustellen.

Schon im Vorfeld und auch jetzt nach der Erlassung wird der Beschluss kontrovers diskutiert. Für die einen ist es eher Zwang und Einschränkung, statt Schutz. Für die anderen geht er nicht weit genug. Ziel der neuen Gesetzeslage soll sein, Kriminalität und Menschenhandel durch eine persönliche Anmeldung einzudämmen. Wer den Beruf nicht freiwillig ausübt, soll keine Bestätigung bekommen. Allerdings, so mahnt Sabine Constabel vom Hilfsverein Sisters e.V., seien keinerlei Anhaltspunkte im Gesetz verankert, an denen man festmachen könne, ob eine Frau nun freiwillig oder gezwungenermaßen als Prostituierte arbeitet. Also würden auch viele den Pass bekommen, obwohl sie vielleicht nicht mal Deutsch sprechen können oder wissen, in welcher Stadt sie sind.

Man muss sehen, wie es gelebt wird

Ebenfalls eingeschränkt werden die Möglichkeiten, in Privatwohnungen selbstständig zu arbeiten. Alle Räumlichkeiten müssen nun bestimmte Auflagen erfüllen. Darunter zwei Bäder, ein Notausgang und ein Pausenraum. Außerdem ist es nicht mehr erlaubt, in der Wohnung zu schlafen. Ausnahmen sollen gemacht werden können. Soweit so gut. Allerdings kann kaum eine Wohnung diese Anforderungen erfüllen und so bleibt meistens nur übrig, in ein Großbordell außerhalb des Sperrgebiets zu gehen oder illegal in einer Wohnung zu arbeiten. Ein Zustand, der eigentlich mit Gesetzen geregelt werden sollte. Immerhin sorgen sie dafür, dass Prostitution nicht illegal ist.

Das Hauptproblem sieht Sisters e.V. darin, dass der Wunsch der Polizei, direkt gegen die Zuhälter vorzugehen, die offensichtlich Frauen zur Prostitution zwingen, nicht gestattet wurde. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern, wie zum Beispiel Frankreich, können in Deutschland Menschenhändler nur nach einer Aussage festgenommen werden. Das heißt, nur wenn eine Frau, die sich gegen ihren Willen prostituieren muss, gegen ihren Zuhälter aussagt, kann die Polizei tätig werden. „Ein Zustand, der an der Realität vorbei geht“, so Constabel.

Noch ist es zu früh, um zu sagen, ob das neue Gesetz Schaden oder Nutzen bringt. Dinge, wie eine Kondompflicht, sind verständlich. Andere Sachen, wie das ungewollte Treiben in die Illegalität, rufen Diskussionen hervor. Für Frauen wie Anna und Salomé bedeutet es Einschränkungen und Mehraufwand. Für Frauen, die den Beruf nicht freiwillig ausüben, nicht genügend Schutz. Wie Sabine Constabel sagt: „Man muss sehen, wie es gelebt wird“

*Name von der Redaktion geändert

Geschrieben von
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