Sexuelle Belästigung ist länderübergreifend

Foto: traum-detung.de

Es ist Alltag, dass junge Frauen diskriminiert werden. Nicht nur von männlichen Vorgesetzten, auch von älteren Kolleginnen. Hört endlich auf, das zu verharmlosen!

Vergangene Woche unterhielt ich mich mit einer Freundin, die seit einem halben Jahr in einem Münchener Start-Up arbeitet. Ich erinnere mich, dass sie zu Beginn ihres neuen Jobs begeistert war und von einem tollen Team erzählte. Ihre Nachrichten dieses Mal gaben mir zu denken: Sie klagte über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, von Kollegen, deren Verhalten unerwünscht ist und durch das sie sich unwohl und in ihrer Würde verletzt fühlt. Dazu nannte sie sexualisierende Bemerkungen und Handlungen, die entwürdigend wirken – unerwünschte körperliche Annäherung gab es nicht.

Wenn der Job keinen Spaß mehr macht

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz kommt öfter vor als man glauben mag. Geschichten von Opfern des sexuellen Missbrauchs beschränken sich nicht nur auf Frauen, sondern beziehen auch Männer und minderjährige Jungen mit ein. Die Stimmen gegen solche Machtausübungen werden zum ersten Mal im Oktober dieses Jahres laut, als die US-amerikanische Zeitungen The New York Times und The New Yorker über den Weinstein-Skandal berichteten, dass Dutzende von Frauen den US-amerikanischen Filmproduzenten Harvey Weinstein der sexuellen Belästigung, der sexuellen Nötigung oder der Vergewaltigung beschuldigten. Viele andere Frauen aus der Filmindustrie berichteten anschließend darüber, ähnliche Erfahrungen mit Weinstein gemacht zu haben.

Das Frauenbild in Griechenland

Ein weiterer Vorfall in Griechenland löste wütende Debatten über soziale Medien aus, nachdem eine Studentin behauptete, sie sei von einem Priester in einem öffentlichen Bus in der griechischen Stadt Thessaloniki sexuell belästigt worden. Der virale Facebook-Post wurde von einem anderen Passagier bestätigt, der Fotos des Vorfalls gepostet hatte. Viele sprachen sich mit Kommentaren zur Unterstützung aus, während andere die Studentin beschuldigten, die Situation zu fabrizieren und gefälschte Fotos zu posten, um „Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit zu erlangen“.  Obwohl die Website, Hellenic Hoaxes, später eine Analyse veröffentlichte, um die Richtigkeit der Fotos und der Geschichte zu beweisen, spricht die unmittelbare öffentliche Skepsis gegenüber den Anschuldigungen des Opfers für das größere Problem sexueller Belästigung gegenüber Frauen in der Gesellschaft.

Der Vorfall in Thessaloniki provozierte eine Online-Diskussion über die Mentalität einer Gesellschaft, die das Opfer belastet – besonders wenn das Opfer eine Frau ist. Laut dem Europäischen Institut für Gleichstellungsfragen (EIGE) gab es im Jahr 2013 in Griechenland 234 Berichte über Vergewaltigung und Vergewaltigungsversuche. Die Ergebnisse der Erhebungen der Europäischen Union für Grundrechte der Europäischen Union 2014 zeigen, dass seit dem 15. Lebensjahr jede vierte Frau körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren hat und 25% der Menschen in Griechenland kannten ein weibliches Opfer häuslicher Gewalt in ihrem Freundes- und Familienkreis.

In einem Interview aus dem Jahr 2016 hat die griechische Generalsekretärin für Gleichstellung, Fotini Kouvela, erkannt, dass das Land in Sachen Gewalt gegen Frauen noch einen langen Weg vor sich hat: Die griechische Gesellschaft bleibt trotz der wichtigen Schritte in den letzten Jahren vor allem patriarchalisch. Die Mentalität wird immer noch von Stereotypen in Bezug auf traditionelle Geschlechterrollen bestimmt. Die Frauen-Opfer von Gewalt werden oft vom sozialen Umfeld angeklagt, während die Handlungen des Täters oft gerechtfertigt sind.

In der Zwischenzeit reagieren einige Social-Media-Nutzer auf die sexuelle Diskriminierung von Frauen mit bitterer Ironie:

1) Melde sexuelle Belästigung durch deinen Ex- oder aktuellen Sexualpartner nicht. So etwas existiert nicht.

2) Berichte nicht über sexuelle Belästigung, wenn du provokativ gekleidet warst. Du hast darum gebeten.

3) Berichte nicht über sexuelle Belästigung, wenn du bescheiden gekleidet warst. Wer würde sich angezogen fühlen?

4) Berichte nicht über sexuelle Belästigung, wenn der Täter sehr alt ist. Er kann nicht erregt werden.

5) Berichte nicht über sexuelle Belästigung, wenn das Opfer zu jung ist. Es ist eine Schande, seine Zukunft für einen rücksichtslosen Moment zu zerstören.

6) Melde sexuelle Belästigung nicht am Arbeitsplatz.

7) Berichte nicht über sexuelle Belästigung, wenn du in der Sexindustrie arbeitest. Du hast dir die Profession selbst ausgesucht.

8) Berichte nicht über sexuelle Belästigung, wenn du Geschlechtsverkehr im Allgemeinen hast.

9) Berichte nicht über sexuelle Belästigung, die auf der Straße stattgefunden hat. Was hattest du dort alleine zu suchen?

10) Melde keine sexuellen Belästigungen in der Straßenbahn, Metro und öffentlichen Verkehrsmitteln im Allgemeinen. Wer belästigt jemanden vor anderen?

11) Berichte nicht über sexuelle Belästigung, wenn du Beweise hast. Wenn du wirklich sexuell belästigt worden wärst, hättest du keine Zeit für Beweise.

12) Berichte nicht über sexuelle Belästigung, wenn du keine Beweise hast. Wie glaubwürdig wäre das denn?

13) Melde keine sexuellen Belästigungen, wenn du getrunken hast. Du hattest wahrscheinlich ein Glas zu viel.

(…)

Für alle anderen Male solltest du es melden. Sie werden es dir mit Sicherheit glauben!

Geschrieben von
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