„Wir sitzen in einem sinkenden Schiff“ – Krankenpflege in Berlin

Krankenpflege Berlin
Unter dem Stand der Krankenpflege leiden Patienten und Pfleger gleichermaßen. (Foto: Pixabay.com)

Was die moderne Medizin leistet, grenzt an wahre Wunder. Krankheiten, die lange als tödlich galten, lassen sich mittlerweile behandeln oder sogar heilen. Das Resultat: Eine immer älter werdende Gesellschaft. Und eine Pflegebranche, die seit Jahren unter der zunehmenden Belastung ächzt – und droht, zu kollabieren.

Die Berliner Krankenpflege hinkt angeschlagen vor sich hin. Ein System, das mit so vielen Problemen zu kämpfen hat, dass es schwierig ist, eine einzelne Hauptursache für die Misere festzustellen.

Es kriselt an allen erdenklichen Ecken. Die Stadt investiert zu wenig, um messbare Erfolge zu erzielen, klagt die Branche. Kriminelle Organisationen machen sich die steigende Anzahl an Kranken zu Nutzen. Die sogenannte „Pflege-Mafia“ meldet kerngesunde Menschen als krank an und bezieht dann deren Leistungen. Zu allem Überfluss platzt die Stadt aus allen Nähten; langfristig wird die dauerhafte Unterbringung der steigenden Anzahl an Kranken schwierig.

Fast ein Drittel aller Krankenpflegeschüler will den Beruf verlassen

Die vielleicht größte Herausforderung ist der Mangel an Fachkräften. Seit Jahren klagen Gewerkschaften wie ver.di, dass Krankenhäuser und Pflegeheime über zu wenig geschultes Personal verfügen. Die Bundesregierung versucht mit allen Mitteln, diesem Trend entgegen zu wirken, zuletzt etwa mit dem Versuch, Geflüchtete in das Gesundheitswesen zu integrieren. Doch um Nachwuchs aus den eigenen Reihen ist es eher schlecht bestellt: Laut einer Studie der Universität Greifswald wollen zwischen 20 und 30 Prozent aller Krankenpflegeschüler gar nicht oder höchstens fünf Jahre in ihrem Beruf arbeiten. Aber was treibt die jungen Pfleger*innen dazu an, ihr selbst gewähltes Berufsfeld so schnell wieder zu verlassen?

Claudio V.* ist 26 Jahre alt und arbeitet seit Abschluss seiner Krankenpflegerausbildung 2008 in diesem Beruf. In den vergangenen acht Jahren hat er viele Symptome des kränkelnden Systems selbst zu spüren bekommen. „Ich verstehe jeden, der nach der Ausbildung keine Lust mehr auf die Krankenpflege hat. Man will Menschen helfen und merkt dann ganz schnell, dass dies an vielen Stellen einfach nicht geht. Hier übernimmt mal die Krankenkasse eine Leistung nicht oder es fehlt die nötige Zeit, sich mit dem Patienten auseinanderzusetzen. Dazu kommen eine lausige Bezahlung und ein unattraktives Schichtsystem, das sich nur schwer mit einem normalen Alltag verbinden lässt. Wer will das schon?“

Anscheinend vor allem solche, denen das Wohl des Patienten wirklich am Herzen liegt. Claudio ist einer dieser Menschen: „Wenn eine Kollegin anruft und krank ist, richte ich mich innerlich auf eine 16-Stunden-Schicht ein. Man kann ja die Patienten nicht einfach warten lassen; das sind größtenteils sehr alte Menschen, die nun mal Hilfe im Alltag benötigen. Und von oben kommt ja auch reichlich Druck, obwohl das auch alles gute Leute sind. Wir sitzen einfach zusammen in einem sinkenden Schiff, hab ich manchmal das Gefühl“

Die Zukunft der Krankenpflege

Von oben, das heißt aus der Chefetage, dort, wo sich die Schnittstelle zwischen den Krankenkassen und den Patienten befindet. Die Berliner Krankenpflegebetriebe versuchen mit allen Mitteln die Unausgewogenheit zwischen Einnahmen und Ausgaben zu ihrem Gunsten zu neigen. Ein gutes Beispiel dafür sind die sogenannten Investitionskosten, die ambulante Pflegebetriebe seit dem 1. Januar 2013 erheben dürfen. Hinter diesem geschickt getarnten Namen verbergen sich 2,5 Prozent Zuschlag auf die reguläre Pflegeleistung. Damit sollen Miet- und Leasingkosten für Firmenwägen und Büroräume abgedeckt werden. Und weil die Krankenkassen diese Kosten nicht übernehmen, müssen Pflegebedürftige in Berlin selbst in die Tasche greifen.

Entwicklungen wie diese, besonders bezüglich des Personalmangels, sind höchst besorgniserregend. Selbst bei einer konstant bleibenden Zahl von Menschen, die Pflege benötigen, stellen zu wenig Fachkräfte ein ernst zu nehmendes Problem dar. Aber von dieser konstant bleibenden Zahl auszugehen, wäre ein fataler Irrglaube. In Deutschland gibt es derzeit rund 2,6 Millionen pflegebedürftige Menschen. Laut einer Studie des Bundesministeriums für Gesundheit wird diese Zahl bis 2050 um etwa 70 Prozent, also auf 4,21 Millionen Pflegebedürftige, steigen. Nach derzeitigem Stand erscheint es unwahrscheinlich, dass die deutsche Krankenpflege diese Last ohne drastische strukturelle Reformierung zu stemmen vermag – besonders in der Hauptstadt, die seit geraumer Zeit über dem Bundesdurchschnitt liegt, was die Anzahl der Älteren und Kranken betrifft.

*Name auf Wunsch geändert

Geschrieben von
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