Xenophobie und Verbrechen – Achte auf deine Worte!

Vergewaltigung Freiburg
Vergewaltigt und ermordet. Gewissenlose Gewalttäter gibt es überall - egal welcher Nationalität. (Foto: unsplash.com)

Vor sieben Wochen wurde in Freiburg die Medizinstudentin Maria L. vergewaltigt und anschließend ermordet. Am 3. Dezember 2016 wurde nach langer intensiver Ermittlung nun bekannt: Der Täter ist ein 17-jähriger junger Mann. Er kam 2015 als unbegleiteter Flüchtling aus Afghanistan nach Deutschland. Wir haben Dr. Tong-Jin Smith um einen Gastkommentar gebeten. Smith ist Politikwissenschaftlerin und freie Journalistin aus Berlin.

Wenn der Täter in einem Kriminalfall aus einem anderen Kulturkreis stammt, dann schürt das allgemeines Misstrauen gegen Menschen ähnlicher Abstammung. Ein Kommentar zum Fall Maria L.

Das Herbstfest im nordpfälzischen Rockhausen hat in der Region Tradition. Im September 2015 findet es zum 66. Mal statt, samt Weinverkostung und -prämierung. Showtanzgruppen und verschiedene Bands treten auf der Festbühne auf. Ausgelassene, fröhliche Stimmung über vier Tage mit einem bunten Festumzug und Feuerwerk im Schlosspark.

Auch die 16-jährige Charlotte aus dem nahen Bischheim ist am Samstag auf dem Herbstfest und trifft sich dort mit Freunden. Eigentlich soll sie bis Mitternacht zuhause sein oder sich wenigstens telefonisch melden, damit ihre Eltern wissen, wo sie abgeholt werden kann. Aber sie kommt nicht nach Hause und sie ruft auch nicht an. Die besorgten Eltern schalten die Polizei ein. Eine intensive Suche beginnt. Die Kripo Kaiserslautern setzt einen Hubschrauber ein. Aber Charlotte bleibt verschwunden. Auch die Onlinesuche über soziale Netzwerke bleibt erfolglos. Niemand hat die Schülerin nach Samstagabend gesehen. Weder ihr Handy noch ihre schwarze Bikerjacke tauchen auf. Wo ist Charlotte?

Leiche gefunden

Am Dienstag findet man dann ihre Leiche in einem Kanal in Rockhausen. Charlotte ist einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen. Vergewaltigt, erdrosselt und anschließend kopfüber nackt in einen Kanalschacht geworfen, damit sie dort schneller verwest. Eine grausame Tat mitten in der deutschen Provinz. Ihr Peiniger: ein 20-Jähriger aus der Region, der in schwierigen Familienverhältnissen aufgewachsen ist. Er habe auch mehrfach Schule und Ausbildung abgebrochen, berichten die Medien in und um Kaiserslautern. Nationale Schlagzeilen macht der Fall trotz seiner Brutalität nicht.

Im Mai 2016 wird der junge Mann schließlich zu zehn Jahren Jugendhaft verurteilt. Sein Anwalt sagt, sein Mandant sei nicht das Monster, für das ihn manche halten, und kündigt an, in Revision zu gehen. Der urteilende Richter nennt den Täter „eine tickende Zeitbombe“. Niemand wisse, ob er sich jemals wieder in die Gesellschaft integrieren könne.

Leiche in der Dreisam

Ortswechsel. Freiburg im Breisgau. Es ist der 16. Oktober 2016, ein Sonntag. Das Wetter ist an diesem Herbstmorgen perfekt für einen entspannten Lauf entlang der renaturierten Dreisam – dem Fluss, der durch die süddeutsche Universitätsstadt fließt. Eine Frau läuft am Uferweg in Richtung Ottiliensteg hinter der Nordtribüne des Schwarzwaldstadions. Es ist etwa 8:20 Uhr, als sie plötzlich stehen bleibt. Im Wasser liegt die Leiche einer jungen Frau.

Kurz darauf ist die Polizei zur Stelle. Kriminaltechnische Ermittler in weißen Schutzanzügen sichern die Spuren eines Gewaltverbrechens, das erst einige Monate später aufgeklärt werden soll. Die 19-jährige Medizinstudentin Maria L. ist hier in der Nacht vom Fahrrad gezerrt und vergewaltigt worden. Laut Obduktionsbericht ist sie anschließend in der Dreisam ertrunken. Der mutmaßliche Täter: ein Minderjähriger, der als unbegleiteter Flüchtling 2015 nach Freiburg gekommen ist, bei einer Familie lebt und mittlerweile recht gut Deutsch spricht. Unauffällig. Kein offensichtliches Problemkind.

Hasskommentare auf Facebook

Bevor es überhaupt zur Gerichtsverhandlung kommt, wird der junge Mann sofort nach der Verhaftung gesellschaftlich und medial verurteilt. Der Fall wird zum gefundenen Fressen für Kritiker der aktuellen Flüchtlingspolitik und für Gegner einer offenen Gesellschaft – nicht nur in Freiburg, sondern darüber hinaus. Hasskommentare fluten Facebook & Co, in einschlägigen alternativen Medien wird gegen Flüchtlinge gehetzt. Britische Boulevardblätter wie „The Sun“ und „Express“ greifen den Fall auf.

In Freiburg versammeln sich einige Wutbürger und AfD-Anhänger zum Protest, werden aber von Gegendemonstranten zahlenmäßig in den Schatten gestellt. Freiburg soll eine tolerante, offene Stadt bleiben, auch wenn einige – vor allem Frauen – gegenüber n24 von einem mulmigen Gefühl sprechen. Ein brutaler Vergewaltigungsfall im unweit gelegenen schweizerischen Emmen aus dem vergangenen Sommer kommt ihnen in den Sinn. Das Opfer war nachts auf dem Nachhauseweg vom Fahrrad gerissen und brutal vergewaltigt worden. Die junge Frau ist seither querschnittsgelähmt. Der Täter ist bislang trotz einer weit gefächerten DNA-Fahndung noch nicht gefasst.

Die Nationalität des Täters

Die beiden Fälle Charlotte und Maria L. haben von außen betrachtet einiges gemeinsam. In einem wesentlichen Punkt unterscheiden sie sich: die Nationalität des Täters. Und das allein reicht, um aus dem Fall Charlotte ein Provinzverbrechen und aus dem Fall Maria L. eine internationale Schlagzeile zu machen, sowohl für etablierte als auch alternative Medien. Die öffentliche Vorverurteilung des Freiburger Täters beruht indes weniger auf der Brutalität seines Vorgehens als auf seiner ethnischen Abstammung und der Tatsache, dass er zeitgleich mit vielen Tausend anderen Flüchtlingen aus dem Nahen Osten vor kurzem nach Deutschland gekommen ist.

Auch wenn man meint, diese Sicht sei ein Problem rechter Randgruppen und ihrer bevorzugten Medien, so zeigt doch auch die Berichterstattung und Diskussion in etablierten Medien, dass wir uns alle des „Labeling“ schuldig machen. Wir zeigen mit dem Finger auf Menschen einer bestimmten Nationalität oder ethnischen Abstammung und werfen sie alle pauschal in einen Topf, auch wenn es sich – wie in diesem Fall – um die Tat eines Einzelnen handelt.

Das Geschäft mit der Angst

Das kritisieren auch Kriminologen, wie jüngst Christian Pfeiffer im WDR. Eine solche Diskussion sei oberflächlich. Nationalität spiele keine Rolle für Kriminalfälle, viel relevanter seien Erfahrungen aus der Kindheit. Statistiken belegen auch seit Mitte der 80er Jahre in Deutschland einen Rückgang bei Sexualdelikten. Gleichzeitig nimmt aber die Angst vor Fremden zu – trotz oder wegen der offenen Gesellschaft, des Zuzugs aus dem europäischen und außereuropäischen Ausland und der Globalisierung. Medial wird alles vermengt und der Versuch einer sachlichen Aufklärung verhallt gegen das Geschrei der Geschichtenerzähler, die mit der Angst ihr Geschäft machen. Medienwissenschaftler und Romanautoren wissen das. Eine plastisch erzählte Geschichte „Gut gegen Böse“ bewirkt mehr als Tausend Fakten. Eine gute Geschichte – und sei sie noch so konstruiert – wirkt nachhaltig. Da hilft auch keine Richtigstellung oder Aufklärung.

Und dann wird jetzt in Bochum auch noch ein Iraker verhaftet. Ihm werden unter anderem versuchter Mord, Vergewaltigung und Raub vorgeworfen. Und wieder tobt die Hetze im Netz. Angeheizt wird dieser Hass unter anderem von der Sprachlosigkeit der Leitmedien im Freiburger Fall – die ARD hatte die Tat für die Tagesschau als zu regional eingestuft – und der Hilflosigkeit im Umgang mit Gewaltverbrechen, die von Flüchtlingen begangen werden. Dabei gibt es überall gewissenlose Gewalttäter, egal welcher Nationalität. Und ebenso Männer, die meinen, einer Frau jederzeit ihren Willen aufzwingen zu können. Das hat weder ausschließlich mit Kultur und Religion noch mit ethnischer oder sozialer Herkunft zu tun, sondern in erster Linie mit dem entsprechenden Mann selbst.

Ein angebliches Flüchtlingsproblem

Vergewaltigung und Mord sind schwere Verbrechen, egal wer sie begeht. Bitter ist, wenn die Tat zum Politikum wird, besonders für die Angehörigen. Und so schauen wir zu, wie der Fall Maria L. zum Skandalverbrechen stilisiert wird, verursacht durch ein angebliches Flüchtlingsproblem, während der Fall Charlotte ein Provinzverbrechen bleibt – ohne deutschlandweiten Aufschrei, ohne internationale Empörung. Xenophobie, die Angst vor dem Fremden, schlummert in uns allen.

Dr. Tong-Jin Smith

Seit 1992 als freie Journalistin tätig, begann sie schon während ihres Studiums der Politikwissenschaft als Freie für Radio und Print zu arbeiten. Als Online-Journalistin war sie beim ZDF für 'Aspekte' und 'nachtstudio' verantwortlich.

Smith schreibt vor allem über Themen wie Immobilien, Architektur, Nachhaltigkeit, CSR (Corporate Social Responsibility = Unternehmerische Gesellschaftsverantwortung) und Bildung. Zu ihren Auftraggebern zählen unter anderem: Die Welt, Die Welt am Sonntag, Der Tagesspiegel, Berliner Zeitung, Berliner Morgenpost, Natürlich, CSR Magazin, Frankfurter Neue Presse, Frankfurter Rundschau, Kölner Stadtanzeiger, das britische Magazin Home und das Schweizer News-Portal bluewin.ch.

Quelle: geckomedia-online.de

Mehr von Monique Stibbe

Xenophobie und Verbrechen – Achte auf deine Worte!

Der Mordfall Maria L. aus Freiburg bewegt Deutschland. Der Täter soll ein...
Mehr

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.