„Digitales Wissen kann ein Startvorteil sein“

Während dem Tomorrowing your Business Kongress in Potsdam (Foto: Melody Hansen)

Der Digitalisierungsprozess in Unternehmen ist mittlerweile unausweichlich. Selbst das kleinste private Unternehmen wird in Zukunft nicht mehr ohne stetige Innovation überleben können. Doch inwiefern ist das realistisch und wie viele Firmen werden dabei auf der Strecke bleiben?

Halbjährlich veröffentlicht das deutsche Zukunftsforschungsunternehmen, „2bAHEAD“, den Trend Index, und fängt damit die generelle Stimmung bezüglich der Transformation und Digitalisierung in deutschsprachigen Unternehmen ein.

Trotz positiver Entwicklungen bleiben viele Probleme ungelöst. Laut der Studie sagt nur jeder 5. Innovationsmanager, dass seine Führungskraft über das notwendige Wissen verfügt, um die Digitalisierung im eigenen Unternehmen anzuführen. Doch was bedeutet das für die Zukunft des jeweiligen Unternehmens?

Ein Interview mit Michael Carl

Radarmagazin: Wie genau definieren sie Digitalisierung?
Michael Carl: Die Lebens- und Arbeitswelten der Menschen des Jahres 2026 werden sich grundlegend von den heutigen unterscheiden. Trotz aller Debatten über Digitalisierung: Das Ausmaß dieser Veränderung wird nach wie vor dramatisch unterschätzt. Das Entwicklungstempo selbstlernender künstlicher Intelligenzen ist atemberaubend. Sehr bald werden alle Bereiche des Lebens und Arbeitens vernetzt sein. Eine Folge: Es wird normal sein, jederzeit auf nahezu unbegrenztes Wissen zugreifen zu können, hochpersonalisierte Produkte und Services vorzufinden, Bedürfnisse schneller als Echtzeit befriedigt zu wissen. Für Anbieter bedeutet dies: Die Ansprüche steigen.

Radarmagazin: Anhand des TrendIndex erkennt man, dass viele Firmen sich noch nicht bereit für die unausweichliche Transformation fühlen. Was passiert mit ihnen? Besteht die reelle Möglichkeit, dass einige von ihnen auf der Strecke bleiben?
Michael Carl: In der Tat: Wer heute keine Antwort auf die Herausforderungen der Digitalisierung sucht, wird es auf Dauer schwer haben. Und wir sehen heute schon, wie auch Größe und stolze Tradition ein Unternehmen nicht davor schützen, in existenzbedrohende Krisen zu geraten. Ausschlaggebend für den Erfolg eines Unternehmens ist seine Orientierung an den immer wieder neuen Bedürfnissen seiner Kunden. Mit altbekannten Geschäftsmodellen ist eine solche Anpassung nicht möglich. Unser aktueller TrendIndex zeigt sehr deutlich, wie schwer Mitarbeiter wie Führungskräfte sich tun, strukturell und kontinuierlich notwendiges Wissen und Kompetenzen aufzubauen.

Radarmagazin: Was ist mit denjenigen, die die Notwendigkeit der Digitalisierung nicht wahrhaben wollen?
Michael Carl: Diejenigen, die die Augen vor der Digitalisierung verschließen, verpassen die Chance, ihr Unternehmen zukunftssicher und erfolgreich aufzustellen. Es verhält sich hier ähnlich wie bei jenen, die die Notwendigkeit zur Transformation zwar erkennen, denen es aber an den erforderlichen Kompetenzen fehlt. Digitalisierung betrifft alle Bereiche der Unternehmen. Ein Wandel ist die Voraussetzung für den zukünftigen Erfolg eines Unternehmens.

Radarmagazin: Ist die Befürchtung, dass Maschinen menschliche Arbeit schon in naher Zukunft ersetzen werden, berechtigt?
Michael Carl: Das ist schon längst Realität. Die neue Empfangsdame Connie des Hilton in McLean, Virginia ist keine Mitarbeiterin im herkömmlichen Sinne. Sie ist ein Roboter, basierend auf der Artificial-Intelligence-Software von IBM Watson. Künstliche Intelligenzen können besser große Datenmengen erheben und analysieren, auch unstrukturierte Daten zum Beispiel aus der menschlichen Kommunikation. Sie treffen auch bessere Entscheidungen. Zahlreiche Berufe werden dadurch verdrängt, doch genauso werden auch zahlreiche neue Arbeitsplätze entstehen. Die Entwicklung der Technologie führt zu einer Verschiebung auf dem Arbeitsmarkt. Wir müssen neu definieren, was uns als Menschen im Beruf ausmacht.

Radarmagazin: Wann schätzen sie, dass die Digitalisierung in Unternehmen ganzheitlich durchgeführt sein wird?
Michael Carl: Die Digitalisierung ist kein Automatisierungsprojekt mit Anfang und Ende. Es gehört zu den Herausforderungen der Digitalisierung, dass sie wohl keinen Abschluss finden wird. Kein Unternehmen wird je fertig mit der Digitalisierung – zumal viele Unternehmen, insbesondere in deutschsprachigem Raum, dabei erst am Anfang stehen.

Was sind die Herausforderungen der Digitalisierung für Jobeinsteiger? Haben die „digital natives“ es ausschließlich einfacher?
Michael Carl: Natürlich: Digitales Wissen kann ein Startvorteil für Jobeinsteiger sein. Entscheidend ist die geistige Haltung: Wer auf Dauer flexibel bleibt, sich weiterentwickeln und lernen will, wer außerhalb altbekannter Strukturen und Geschäftsmodelle denken kann, wird sich leichter tun. Das ist allerdings kaum eine Altersfrage. Im TrendIndex wurde deutlich: Dies zu ermöglichen, ist vor allem eine Anforderung an Unternehmen und Führungskräfte. Sie müssen das nötige Maß an Beweglichkeit und Veränderung auch wollen. Digitales Wissen mag im Unternehmen vorhanden sein, doch ein struktureller Wissenstransfer oder auch ein durchgängiges Wissensmanagement fehlt.

Michael Carl

Unternehmensentwickler, Journalist und Theologe. Nach seinem Studium arbeitete er bei verschiedenen Radiosendern als Reporter, Redakteur und Moderator. Heute leitet er das Strategiebüro des Rundfunk Berlin-Brandenburg.

 

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