Versklaven, vergessen, hassen

Wir haben vergessen, was wir getan haben. Foto: Ialesh Aldarwesh

Wir waren es. Deutsche. Schon vor langer Zeit – weit, in der Vergangenheit. Wir haben rote Spuren hinterlassen, Blut. Dann haben wir sie vergessen. Und heute? Heute hassen wir. Wir hassen das, was wir einst selbst, grausam und getrieben von Gier getan haben.

Wir wanderten ein und eroberten. Wir flüchteten nicht vor Bomben, die unsere Häuser zerstörten, oder vor dem Kugelhagel, der unsere Familien und Freunde töten konnte. Es gab keinen Krieg – zumindest noch nicht – auch keine Schmerzen und kein Leid. Aber es gab Interessen, solche von wirtschaftlicher Natur. Und da gab es diesen Kontinent, der wenig entwickelt war: Afrika. Also nahmen wir uns einfach das, was wir wollten: Land und Rohstoffe – und vergingen uns an den Menschen, deren Heimat wir uns einverleibten.

2015 – über ein Jahrhundert später. Millionen Menschen haben sich dazu entschlossen, leben zu wollen. Dem finsteren Krieg mit all seinen zerstörerischen Seiten zu entkommen und ihr Recht auf Freiheit wahrzunehmen. Viele Menschen in Syrien, Afghanistan und Irak riskieren ihr Leben auf einer gefährlichen Reise. Eine Reise ins Ungewisse, die dennoch sicherer scheint als in der Heimat zu bleiben. Die meisten machen sich auf den Weg nach Europa. Mehr als eine Million Menschen sind so in der jüngsten Vergangenheit nach Deutschland und in andere europäische Länder geflüchtet.

Es sind zwei prägnante Ereignisse in der europäischen Geschichte, in der deutschen Geschichte. Sie ähneln und widersprechen sich auf gewisse Weise und sind miteinander verknüpft. Auf der einen Seite Deutsche als Einwanderer und Eroberer, auf der anderen Seite Deutschland als Migrationsland und Zufluchtsort. Was taten wir damals und wie verhalten wir uns heute? Eine Reise in die Vergangenheit mit Bezug zu heute.

Das Vergangene: Entstehung deutscher Kolonien

Deutschlands Kolonialgeschichte begann am 7. August 1884. An der afrikanischen Meeresbucht Angra Pequene (Portugiesisch für Kleine Bucht) wurde die Reichsflagge gehisst und das „Territorium Lüderitz unter den Schutz und die Obherrlichkeit Seiner Majestät Kaiser Wilhelm I.“ gestellt. Die Nationalhymne erklang, „Er lebe hoch“, riefen die Soldaten. Dann gab es die Angra Pequene nicht mehr, ab jetzt hieß sie „Lüderitzbucht“. Von nun an trug sie den Namen des deutschen Tabakhändlers Adolf Lüderitz, der die Gebiete um die Bucht und somit die erste deutsche Kolonie 1882 erwarb.

Besiegelt wurde das Schicksal der Völker Afrikas in der Folgezeit zwischen November 1884 und Februar 1885 auf der „Berliner Konferenz“. Kaiser Wilhelm I verlautete dazu: „Deutschland ist jetzt als Kolonialmacht zu betrachten und damit in der Lage, eine Konferenz in Berlin vorzuschlagen. Man wird unser Land hören auf diesem wichtigen Kongress, der darauf zielt, die Grundlagen der zukünftigen Regierung für diese weiten Gebiete zu schaffen.“ Entsprechend debattierten Vertreter verschiedener imperialistischer europäischer Staaten, der USA und des Osmanischen Reichs über ihre jeweiligen territorialen Ansprüche auf dem Kontinent. Sie teilten Afrika unter sich auf. „Aber eben ohne Vertreter Afrikas“, erklärt Dr. Arnulf Scriba, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Kurator am Deutsch Historischen Museum (DHM). Dabei stand Bismarck deutschen Kolonien lange kritisch gegenüber.“

So sei der Reichskanzler der Ansicht gewesen, Deutschland hätte keine Gebietsansprüche mehr, weder in Europa, noch in der Welt. Letztlich sei es aber um drei Faktoren gegangen: Prestige, Geld und eine wachsende Bevölkerung.

Im internationalen Vergleich wollte man nicht hinten anstehen“, sagt Scriba. Die anderen europäischen Imperialmächte waren dem Deutschem Kaiserreich bezüglich afrikanischer Kolonien voraus. Die Portugiesen hatten sich schon im 16. Jahrhundert an den Küsten Angolas und Mosambiks Land gesichert, gefolgt von holländischen Siedler, die sich im 17. Jahrhundert an Südafrikas Kap der guten Hoffnung festgesetzt hatten. Auch Frankreich und Großbritannien hatten sich in Afrika als Kolonialmächte etabliert. Gambia, Nigeria, die Goldküste, Sierra Leone, Mauritius, Algerien, Tunesien, der Senegal, Gabun und andere Gebiete hatten sie bereits unter sich aufgeteilt.

Was nun neben dem Prestigegewinn für ein deutsches Interesse an afrikanischen Kolonien sprach, war ein enormes Bevölkerungswachstum im Kaiserreich. Nach der Reichsgründung 1871 wuchs die Gesamtbevölkerung bis 1890 von knapp 41 Millionen auf über 50 Millionen. „Die Regierung hatte Angst, die Bevölkerung nicht in die Wirtschaft integrieren zu können, mangels genügend Arbeitsplätze“, erläutert Scriba. In den Kolonien sollten nicht nur neue Arbeitsplätze und Absatzmärkte für deutsche Produkte geschaffen werden, sondern auch Rohstoffequellen für die aufstrebende deutsche Industrie entstehen.

Entsprechend hofften Fürsprecher der Kolonialbestrebungen aus Politik und Wirtschaft, Teile der wachsenden Bevölkerung nach Afrika umsiedeln zu können, anstatt sie als Auswanderer an andere Länder wie die USA zu „verlieren“. Kolonialisten würden weiterhin deutsche Staatsbürger bleiben und zum deutschen Wirtschaftswachstum beitragen. Zudem gab es aus dem eigenem Volk trotz Bismarcks kritischer Haltung kaum Stimmen gegen eigene Kolonien. Bestärkt wurden sie durch Zeitungsberichte und Romane, die das Leben in den Kolonien als Abenteuer glorifizierten.

Das Vergessene: Versklavung und Ausbeutung

So kam es, dass Bismarck, laut Scriba „getrieben von einer Art Massenorganisation an Nationalkonservativen und Funktionären aus der Wirtschaft Kolonien für das Deutsche Kaiserreich beanspruchte.“ Kamerun, Togo und Teile von Südwest- und Ostafrika wurden in Besitz genommen. Mit den dort ansässigen Stämmen schloss man sogenannte „Schutzverträge“, wie Bismarck sie nannte. „Damit habe man sie aber nur über den Tisch gezogen“, ergänzt Scriba. Denn fortan wurden sie zu Bürgern zweiter Klasse in ihrem eigenen Land und durften für Hungerlöhne auf den Farmen der Kolonialisten arbeiten. Zur Legitimation dieser wirtschaftlichen Ausbeutung und politischen Unterdrückung wurde Rassismus als Rechtfertigungsideologie genutzt. 

Die lokale Bevölkerung wehrte sich aber immer wieder gegen die deutsche Fremdherrschaft und Ausbeutung. Aufstände und brutale Kämpfe zwischen Soldaten des Kaiserreichs und den einheimischen Stämmen blieben nicht aus. „Die deutsche Kriegsführung war eine sehr rigide und kompromisslose“, sagt Scriba. Die „Schutztruppen“, wie Bismarck sie taufte, wandten dabei auf ihren Strafexpeditionen immer wieder die „Taktik der verbrannten Erde“ an und brannten ganze Dörfer nieder. Viele Menschen wurden erhängt, andere zu Zwangsarbeit genötigt. Sexuelle Gewalt gegenüber Frauen und Vergewaltigungen waren an der Tagesordnung. Auch zerstörten die Schutztruppen Brunnen und Felder, nahmen das Saatgut und das Vieh der Stämme mit, was zu Unterernährung und weiteren Toten führte.

Zwei Ereignisse stehen heute exemplarisch für die Ausbeutung, Versklavung und Brutalität in den Kolonien des deutschen Kaiserreichs: Der Genozid im Maji-Maji Krieg und der Völkermord an den Herrero und Nama. Der Maji-Maji Krieg begann 1904 durch eine Erhebung verschiedener Bevölkerungsgruppen in Deutsch-Ostafrika gegen zunehmende repressive Maßnahmen wie der Einführung einer Kopfsteuer. Die Aufstände endeten 1907 nicht etwa durch Waffengewalt, sondern durch die Taktik der verbrannten Erde – das deutsche Kaiserreich ließ die verschiedenen Stämme aushungern. Historiker der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) schätzen die Zahl der Toten auf 250.000 bis 300.000. Ebenso brutal war der Völkermord an den Herrero und Nama 1904. Sie wurden von deutschen Soldaten in die wasserlose Omaheke-Wüste getrieben. Viele verdursteten und starben einen grausamen Tod.

Es ist sicherlich nicht zu knapp, wenn man sagt, dass die Zahl der Toten über die 30 Jahre deutsche Kolonialpolitik im siebenstelligen Bereich liegt“, äußert Scriba. So hatte das brutale Vorgehen der deutschen Schutztruppen schließlich auch innenpolitischen Konsequenzen. 1905 verabschiedete etwa der Reichstag ein Gesetz, das ab 1920 die Sklaverei in den Kolonien schrittweise abschaffen sollte. Zur Anwendung kam es aber nie, denn nach dem Ende des Ersten Weltkriegs verlor das Deutsche Reich seinen Kolonialbesitz. In der Folge kam es nicht nur in den ehemaligen Kolonien, sondern auch in Europa zu Migrationsbewegungen und Zwangsumsiedlungen.

Heute: Die Parallelen zur Vergangenheit

Migration ist ein Normalfall der menschlichen Geschichte“, sagt die Politikwissenschaftlerin Julia Schulze Wessel von der TU Dresden. Im Laufe der Geschichte wurden Völkerwanderungen oder Migrationswellen aber vermehrt durch den westlichen Imperialismus hervorgerufen. Ein Blick in den Nahen Osten bestätigt das. „So erkennen wir Verschiebungen von Grenzen und Trennungen von ethnischen Gruppen – auch durch die Zerschlagung des Osmanischen Reichs durch den Westen“, sagt Scriba.“Wo Sunniten und Schiiten heute in einem Gebiet zusammenleben, war das traditionell nicht der Fall.“ Genau das – gepaart mit Interventionen und Waffenlieferungen aus dem Westen – führt aber immer wieder zu Konflikten in der Region. Oftmals mit fatalen Konsequenzen für die Bevölkerung. Sei es im Iran-Irak-Krieg oder aktuell im syrischen Bürgerkrieg. Die Liste der Kriege und Konfliktlinien ist lang. Es darf also nicht überraschen, dass die Aggressoren der Vergangenheit – sprich die ehemaligen Kolonialmächte – nun irgendwann auch die Folgen ihrer Politik erleben.

So auch Deutschland, das zwar nie als Kolonialmacht im Nahen Osten aufgetreten ist, aber dafür als politischer und wirtschaftlicher Verbündeter der einstigen Eroberer jetzt zum Ziel für Flüchtlinge aus den Krisengebieten geworden ist. Dabei sei das vergangene Jahr keine Flüchtlingskrise, als viel mehr eine „Krise der europäischen Migrationspolitik“ gewesen, erklärt Schulze Wessel. Auch kritisiert sie die Maßnahmen der EU, um „mit größerem Aufwand, zum Beispiel durch Zäune und Durchgangslager, die Flüchtlinge vom EU Territorium fernzuhalten.“ Hinzu kommt der merkliche Rechtsruck im Land, dessen scharfer Populismus sich speziell gegen Migranten richtet. Angetrieben davon spiegelt sich der Hass, der Rassismus auch vermehrt auf den Straßen, beispielsweise mit Bewegungen wie Pegida und zunehmenden rassistischen und diskriminierenden Kommentaren in Sozialen Netzwerken wider. Das Misstrauen gegen Menschen aus dem arabischen Kulturkreis nimmt stetig zu, wird sogar salonfähig.

Vergessen wird dabei, dass die Mächte des westlichen Imperialismus mit ihrer Außenpoltik viele heutige Krisen erst ermöglicht haben. Vor allem wirtschaftliche Interessen, wie der Zugang zu Öl und billigen Rohstoffen wirken dabei nachwievor als Treiber. Vergessen die Verantwortung, die man gegenüber den Völkern und Nationen hat, die heute in Krieg und Chaos versinken. Statt Verantwortung steht heute Ablehnung und Hass im Vordergrund – ein Relikt der Vergangenheit, ein Ergebnis von Rassismus und Kulturchauvinismus als Rechtfertigungsideologie für Unterdrückung und Ausbeutung.

Geschrieben von
Mehr von Steve Reutter

Terror im Herzen der Türkei

Die Menschen der Türkei sind in diesem Jahr zum sechsten mal Opfer...
Mehr

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.