Grenzen eines Schulsozialarbeiters

Schulsozialarbeiter und ihre Arbeit
Die individuellen Probleme eines jeden Schülers müssen gelöst werden - sonst gerät die Schule und der Abschluss immer weiter in den Hintergrund. Foto: Counselling, Visualhunt

Laut Senatsverwaltung für Bildung schaffte im Schuljahr 2015/16 etwa jeder zehnte Berliner Schüler keinen Schulabschluss nach der zehnten Klasse. Die meisten würden den Fehler dafür wohl bei den Lehrern suchen, die die Schüler nicht gut genug unterrichtet hätten. Doch sind in diesem Fall wirklich die Lehrkräfte schuld?

Wie wäre es, wenn man den Blick auf eine ganz andere Berufsgruppe wirft, die wohl mindestens ebenso viel Zeit mit jenen Schülern verbringt, deren Schulabschluss gefährdet ist – die Schulsozialarbeiter.
Sie sind nicht an jeder Schule zu finden, jedoch werden sie vermehrt eingesetzt. Erstmals wurde das Angebot „Schulsozialarbeit an Berliner Schulen“ im Jahr 2006 ins Leben gerufen. Umgesetzt wurde es fast ausschließlich an den damaligen Hauptschulen, in der Hoffnung, jeden Schüler – wie schwierig er auch sein mag – in der Schule zu behalten und erfolgreich durch seine Schullaufbahn zu bringen.
So liegt die vielschichtigste Aufgabe eines Schulsozialarbeiters auch heute noch bei der großen Problematik der Schuldistanz. Die Sozialpädagogen kümmern sich um die Schüler, die mitunter über sehr lange Zeitspannen hinweg der Schule fern bleiben. Jene Schüler, die schlichtweg dauerhaft schwänzen.

Schulsozialarbeiter Schuld an fehlenden Schulabschlüssen?

Knüpfen wir an dieser Stelle an die Überlegung vom Anfang an: Wer die Schule nicht besucht, der lernt nichts. Wer nichts lernt, kommt auf lange Sicht im Stoff nicht hinterher. Und wer so den Anschluss verliert, der läuft große Gefahr, seinen Schulabschluss nicht zu schaffen. Wenn also Schüler die zehn Pflichtschuljahre derart vernachlässigen, liegt es doch an den Schulsozialarbeitern, diese wieder dafür zu motivieren, regelmäßig in die Schule zu gehen, oder?
Insofern könnte man sagen, dass der Fehler bei diesen Arbeitskräften liegt, dass so viele Schüler keinen Abschluss in der Tasche haben. Die Lehrer wären somit aus dem Schneider und würden hier nicht den Schwarzen Peter zugeschoben kriegen. Allerdings scheint es gar nicht so einfach zu sein, besagte Schulschwänzer wieder in die Klassenräume zu bekommen.

Die seit 2008 an einer Reinickendorfer Oberschule arbeitende Schulsozialarbeiterin Tanja T. äußert sich zu einigen Problempunkten, die ihr die Ausführung ihres Jobs sehr erschweren: „Im Grunde sind wir ja nur die Berater.“
Bei anfallenden Schulkonferenzen, in denen über das weitere Verfahren mit einem bestimmten Schüler entschieden werden soll, seien die Schulsozialarbeiter gar nicht dazu befugt, wirkliche Entscheidungen zu treffen oder ein Veto einzulegen. Sie gäben lediglich Tipps und versuchen die Schulleitung, die letztlich nach einer Abstimmung entscheide, so in die richtige Richtung zu lotsen.

Ein weiteres Problem sieht die Sozialarbeiterin im Jugendamt. Neben dem Schulamt würde auch das Jugendamt miteinbezogen, wenn es um die Durchsetzung bestimmter Maßnahmen ginge. In einigen Fällen habe sie es schon erlebt, dass das Jugendamt die Hilfsmaßnahmen ablehne, die die Schulsozialarbeiter forderten. Sie sähen nicht die gleiche Notwendigkeit und würden einige Situationen von Grund auf anders und weit harmloser einschätzen als die Sozialpädagogen.
„Es ist zwar nicht immer so, aber drastisch ausgedrückt ist das Jugendamt vergleichbar mit der Polizei. Erst wenn etwas wirklich Schlimmes passiert, machen sie etwas. Solange nur unser Verdacht besteht, dass ein Schüler beispielsweise verwahrlost ist und das Kindeswohl in unseren Augen stark gefährdet ist, unternehmen sie nichts. Jede Hilfsmaßnahme kostet sie schließlich auch Geld.“

Keine Chance ohne Zutun des Schülers

Am Schwierigsten würde es jedoch, wenn es um die direkte Arbeit mit den schuldistanten Schülern ginge. Das Erfolgserlebnis, das man verspüre, wenn das jeweilige Sorgenkind wieder in die Schule ginge und man alle individuellen Probleme lösen konnte, sei natürlich der schönste Teil im Job eines Schulsozialarbeiters. Dieses Erfolgserlebnis zu erreichen, bringe allerdings eine Menge Arbeit mit sich.

„Jedes Gespräch, das mit uns möglich ist, jede Hilfe, die wir geben können, können wir nicht umsetzen, solange es der Schüler nicht möchte. Unsere ganze Arbeit ist ein reines Angebot. Wenn der Schüler sich nicht helfen lassen will, können wir nichts dagegen tun.“
Wenn bei Tanja T. also der Eindruck entsteht, dass ein Schüler dringend Hilfe benötigt, dann kann sie nicht einfach entsprechende Maßnahmen einleiten oder Informationen weitergeben. Für beides braucht sie die Einwilligung des Schülers, sonst sind ihr die Hände gebunden. Es läuft also alles über Vertrauen. Um herauszufinden, wo die Ursache für langes Fernbleiben von der Schule bei einem Schüler liegt, gilt es in erster Linie, eine Vertrauensbasis zu schaffen. Wenn sich ein Kind komplett verschließt und jedes Angebot abblockt, kann sie nie herausfinden, an welcher Stelle sie ansetzen soll.

Die häufigsten Gründe für Schüler, die Schule nicht mehr zu besuchen, seien laut der Schulsozialarbeiterin hausgemacht. Neben schulgegebenen Ursachen, wie Mobbing, Konflikten mit Lehrern oder dem Drang, zu einer bestimmten Clique dazuzugehören und durch Gruppenzwang in kriminelle Szenen abzurutschen, seien viele Probleme auf die Eltern-Kind-Beziehung zurückzuführen. Von starkem Alkohol- oder Drogenkonsum seitens der Eltern über extreme Bevorzugung eines Geschwisterkindes und Verwahrlosung bis hin zu häuslicher Gewalt oder gar Rollentausch reichen die familiären Krisenherde.
Beim Rollentausch beispielsweise übernimmt das Kind die eigentliche Rolle eines Elternteils. Es trägt Verantwortung für Dinge, die es maßlos überfordern und ihm einen regelmäßigen Schulbesuch erschweren oder gar nicht erst ermöglichen. Ebenso wird die Psyche des Kindes durch alle genannten Faktoren beeinträchtigt und nachhaltig geschädigt, sodass Hilfe eigentlich so früh wie möglich eingeholt werden müsse.

Aktenleichen – alle Hilfe zu spät?

„Je länger ein Schüler keine Bereitschaft zeigt, mit uns zusammenzuarbeiten, desto unwahrscheinlicher ist es, dass er je auf uns zurückkommen wird. Klar kommt es vor, dass Schüler uns in aller letzter Not doch noch aufsuchen und unseren Rat wollen, aber es gibt ebenfalls sehr viele, an die wir nicht mehr herankommen. Mit der Zeit werden sie unerreichbar.“
Das führe dann zu den sogenannten „Aktenleichen“. So würden jene Schüler betitelt, bei denen keine wirkliche Hoffnung mehr bestehe, dass sie je wieder zur Schule kommen, geschweige denn, sich auf die Angebote der Schulsozialarbeiter einließen. Diese Schüler würden trotzdem immer weiter im Schulverzeichnis geführt.

Und durch jede hinzukommende „Aktenleiche“ wird Tanja T. vor Augen geführt, dass auch ihr Job Grenzen hat. Grenzen, die in erster Linie nur durch die Einsicht und den eigenen Willen eines jeden Dauerschwänzers überschritten werden können.

Geschrieben von
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