Meeting Bismarck: Ghanaische Entwicklungshilfe mit Herz

Sonja Liggett-Igelmund mit dem kleinen Bismarck auf dem Arm - das erste Kind, dem sie in Have ans Licht der Welt geholfen hat. (Foto: Markus Igelmund)

Begonnen hat es mit einer WDR-Serie namens „Job im Gepäck“, die die Hebamme Sonja Liggett-Igelmund 2011 für zehn Tage aus ihrem gewohnten Kölner Arbeitsumfeld in das fremde Ghana gebracht hat. Jetzt lässt sie das kleine Dorf Have nicht mehr los. Über den Verein, den sie 2013 gegründet hat, erzählt sie in einem Interview. 

Radarmagazin: Welche Geschichte steckt genau hinter dem Namen „Meeting Bismarck“ und wieso wurde gerade das Kind mit diesem Namen zum Vereinsrepräsentanten?
Sonja: In diesen zehn Tagen gab es genau eine Geburt und die Eltern haben ihr Kind Bismarck genannt. Da ich eine deutsche Hebamme bin und die Region dort einmal eine deutsche Kolonie unter Bismarck war, haben sie diesen Namen ausgewählt.
Wir haben dann versucht, einen Vereinsnamen zu kreieren, der klarmacht, dass wir nichts mit Otto von Bismarck zu tun haben, der ja weniger gut für Afrika war. Wir wollten ein ghanaisches Wort dabeihaben und weil „Gododo“ Meeting bedeutet, heißen wir jetzt „Meeting Bismarck – Gododo Ghana“.

Radarmagazin: Wie sind die anderen Mitglieder auf den Verein aufmerksam geworden und letztlich zu ihm gestoßen? Wie viele Mitglieder habt ihr zurzeit?
Sonja: Wir haben ungefähr 100 Mitglieder. Vieles hat damals an der Grundschule meiner Söhne begonnen. Ich habe den anderen Kindern der Klasse von dem Ganzen erzählt und sofort waren viele Eltern mit dabei. Ich kam auch über Facebook und E-Mail-Verteiler an Leute heran, die mir Spenden zur Verfügung stellten. Einige davon sind dabeigeblieben und es sind Neue dazu gestoßen, nicht zuletzt durch die Sendereihe des WDR. Aber letzten Endes ist es ein Bekanntenkreis mit einzelnen Leuten, die wirklich nur durch Zufall davon gehört haben und gerne mitmachen wollten.

Dieser Krankenwagen führt alle Krankentransporte im Dorf und Umgebung aus.
Dieser Krankenwagen führt alle Krankentransporte im Dorf und Umgebung aus. (Foto: Florian Gesell)

Radarmagazin: Mit welchem Projekt habt ihr eure Arbeit dort angefangen?
Sonja: Als ich mit dem WDR hingefahren bin, hatte ich in meinem Koffer bereits tolle Sachen drin, wie Einweghandschuhe und Lehrmaterialien, die die Hebammen gut gebrauchen konnten. Ein Jahr später steckten in einem Container, den ein Vater der Schule meiner Söhne bereitstellte, viele weitere Sachen fürs Krankenhaus und die Schule. Wir wollten die Dinge direkt breit streuen, sodass es nicht an einer Stelle ganz golden glänzt, sondern wir bereits breitgefächert anpacken. So kam es auch, dass wir einen Krankenwagen ins Dorf transportiert haben, der dort für sämtliche Krankentransporte zum Einsatz kommt.


Radarmagazin: Ihr leitet auch einige Bauprojekte an, wie zum Beispiel das eines Hebammenhauses. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit der Baufirma Design.Develop.Build?
Sonja: Im Kindergarten von meinem jüngeren Sohn habe ich Eva, eine ehemalige Schulkollegin, wiedergetroffen. Ich habe sie persönlich auch als Hebamme betreut und es stellte sich heraus, dass ihre Schwester Judith Reitz ist, die Architektin von Design.Develop.Build. Nachdem wir uns auch kennenlernen konnten, haben wir dann beschlossen, dass wir eines Tages etwas zusammen machen wollen. Bingo – so entstand diese Verbindung.

Radarmagazin: Gibt es noch andere internationale Kooperationen?
Sonja: Ja, neben dem Koblenzer Rotary Club, der uns auch finanziell unterstützt, engagiert sich noch der Belgische Rotary Club. Außerdem haben wir noch Studenten aus Atlanta sowie Südamerika mit dabei.

Radarmagazin: Woher bezieht ihr die Materialien, die ihr für eure Bauprojekte benötigt?
Sonja: Vor Ort, also der Zement aus Ghana wird beispielsweise genutzt, um daraus dann die Steine herzustellen. Die Ziegel werden gebrannt und auch Holz wird im Wald geschlagen. Das kommt alles direkt aus Ghana.

Radarmagazin: Arbeitet ihr mit bestimmten lokalen Anbauern zusammen oder kommen die Materialien von größeren ghanaischen Unternehmen?
Sonja: Es gibt keine größeren Unternehmen in Ghana. Jedenfalls haben die Architekten keine gefunden. Wir hätten darauf gehofft, dass es so etwas wie einen OBI gibt, der etwas sponsern könnte, aber Fehlanzeige. Es gibt immer nur die kleinen Anbieter, die die Steine am Straßenrand selbst machen.

Dieser Schule hat Meeting Bismarck schon neue Schulbänke und Lehrbücher ermöglicht. (Foto: meeting-bismarck blogspot)
Dieser Schule hat Meeting Bismarck schon neue Schulbänke und Lehrbücher ermöglicht. (Foto: Sonja Liggett-Igelmund)

Radarmagazin: Welche Projekte werdet ihr in Zukunft planen? Wo seht ihr noch Verbesserungsbedarf?
Sonja: Man kann im Prinzip Jahrhunderte lang weiterbauen. Grundsätzlich ist es so, dass die meisten Schulen eine anständige Schulküche bräuchten sowie vernünftige Toilettenanlagen und Klassenräume. Zurzeit sind dort einfach nur die rohen Steine, unverputzt, keine Lampen, ganz simple Tische. Außerdem kann jeder Lehrer werden, ohne Zusatzausbildung, was für die Didaktik katastrophale Auswirkungen hat. Neben den Schulen hat jedes Krankenhaus auch seine eigenen kleinen Baustellen, es gibt ganz viel zu tun. Das Können dazu ist im Grunde auch da, nur fehlt es immer an Geld.

Radarmagazin: Habt ihr Träume oder Ziele für die Leute in Ghana? Was möchtet ihr ihnen in Zukunft ermöglichen? Du hast gerade die Lehrerausbildung angesprochen, würdet ihr das gern in Angriff nehmen oder wäre das ein zu großes Projekt?

Sonja: Also für uns ist es insofern zu groß, als dass ich zu Hause meiner Arbeit als Hebamme nachgehe und alle, die im Verein mitmachen oder die auch nach Ghana reisen, nebenher ihr Leben selbst finanzieren müssen. Wir sind leider keine riesige Hilfsorganisation, die ihre Mitarbeiter von Spendengeldern bezahlt. Wir machen das alles ehrenamtlich in unserer Freizeit, weswegen unsere Möglichkeiten da auch leider begrenzt sind.
Ich würde das liebend gerne hauptberuflich machen, ja wirklich, liebend gerne. Aber wir sind so klein, dass ich nicht einfach sagen kann: „So Freunde und einen Teil der Spenden brauche ich, damit ich Lebensmittel für meine Kinder kaufen kann.“ Das funktioniert nicht und da sehe ich unsere Grenze.

Auf Träume bezogen, fände ich es natürlich großartig, wenn die Schulen anständigen und modernen Unterricht erteilen würden und nicht bei irgendwelchem Aberglauben hängen bleiben. Dass nirgendwo ein Kind in der Schule geschlagen wird und anständiger Gesundheitsunterricht gegeben wird, fände ich super. Sie wissen nicht einmal, wo Malaria herkommt und denken, dass sie es bekommen, sobald sie husten oder zu lange in der Sonne waren. Sie haben keine Ahnung! Dabei ist Ghana ein Schwellenland, nicht mal ein Entwicklungsland und trotzdem wissen die Leute nicht, dass sie unter einem Moskitonetz schlafen sollten.

Radarmagazin: Ihr stellt viele Einzelschicksale vor. Ist es eure Priorität, diese zu unterstützen oder habt ihr vor, eure Hilfe auf das große Ganze zu lenken?
Sonja: Die Hilfe für unsere einzelnen Sorgenkinder läuft parallel zu unseren breiter gefächerten Hilfsaktionen. Wir haben schon so viele Schulen unterstützt mit Schuluniformen, Schulbänken und wir haben ein ganzes Schulgebäude restauriert. Außerdem haben wir es immerhin schon geschafft, einen Lehrer zu einer Montessouri-Weiterbildung zu schicken. Unsere  Einzelschicksale unterstützen wir nebenher. Jenny kann sich mittlerweile zum Beispiel durch unser wundervolles Nähprojekt und den dadurch zum Verkauf stehenden Taschen selbst finanzieren.
Die anderen bekommen Geld für ihre Schulausbildung, wie auch der kleine Bismarck. Bis beispielsweise Wonder zur Schule gehen kann, muss leider noch einiges passieren. Er sitzt im Rollstuhl und bekommt einmal pro Woche Physiotherapie. Diese muss er aber noch eine ganze Weile bekommen, da es keine Schule gibt, die rollstuhlgerecht ist. Unserer Esenam konnten wir ihre Tumor-OP am Auge ermöglichen und wir finanzieren jetzt regelmäßig MRT’s und Nachuntersuchungen. Bei ihr haben wir Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, damit sie  operiert werden kann.

Radarmagazin: Du hast einen ganz besonderen Stellenwert bei den Bewohnern des Dorfes Have. Könntest du uns mehr von deiner Funktion als „Queen Mother“ erzählen?
Sonja lachend: Ja, das ist sowas wie der Bürgermeister, nur das weibliche Pendant dazu. Ich habe keine politischen Ämter zu erfüllen, was aber auch gar nicht von hier aus ginge. Jeder Stadtteil hat seine eigene Queen Mother. Gut, ich habe keinen eigenen Stadtteil, ich bin eher so etwas wie die Queen Mother ehrenhalber und aus tiefstem Dank der Bewohner heraus. Ihnen fällt es mittlerweile selbst schwer, zu sagen, wofür sie alles dankbar sind, weil es so eine gigantische Masse geworden ist.

Radarmagazin: Wie kann man die Stiftung unterstützen? Gibt es neben Spendengeldern auch andere Wege?
Sonja: Man kann uns natürlich unterstützen, indem man so eine Tasche von Jenny kauft. Generell kann man von hier aus auch schon einiges bewirken. Fani und Nicole, beispielsweise, sind wirklich endlos engagiert und machen alles, was ihnen hier möglich ist. Im November waren sie tagelang auf der Bazaar Messe in Berlin und haben dort unter anderem die genähten Taschen angeboten. Auch sammeln sie Medikamente, die dann nach Ghana transportiert und in Have verteilt werden. Neben besagten Spendengeldern – es können wirklich schon kleine Geldbeträge enorm helfen – lässt es sich natürlich auch organisieren, dass Interessierte direkt dorthin reisen und vor Ort helfen.

Radarmagazin: Viele Jugendliche haben den Wunsch, nach ihrem Schulabschluss ins Ausland zu gehen, um im sozialen Bereich zu helfen, beispielsweise im Zuge eines Freiwilligen Sozialen Jahres.
Ist es geplant, Freiwilligenstellen bei der Meeting-Bismarck Stiftung einzurichten?
Sonja: Ihr müsst euch das so vorstellen, dass ich eine sehr arbeitsintensive Stelle im Krankenhaus habe, wo ich zudem auch noch die Chefin bin. Ich habe zwei Söhne und alles rund um Ghana mache ich am Wochenende und abends. Ein Freiwilliges Soziales Jahr haben wir bisher nicht organisiert und das wäre für mich sehr viel Aufwand. Es würde unfassbar viel Zeit fressen, besonders was die individuelle Betreuung jedes einzelnen angeht. Solange ich noch einen extra Job habe, ist das total schwierig.
Für ein paar Wochen auf eigene Faust dort hin reisen, bei Patience – einer meiner Hebammenfreundinnen – wohnen und dort mitarbeiten, das ist gar kein Problem. Aber so etwas Hochoffizielles, wie ein Freiwilliges Soziales Jahr, wo total viel Bürokratie dranhängt, da komme ich an meine Grenzen.

Radarmagazin: Du hast eben schon ein paar Punkte angesprochen, die in Ghana im Argen liegen. Was würdest du sagen, sind die wirklichen Hauptprobleme, die es zu lösen gilt?
Sonja: Das Problem ist, dass die Kinder in den Schulen nicht lernen, selbstständig zu denken. Wie komme ich selbst auf Ideen und allein aus dem Kram hier raus? Diese Fragen stellt man sich dort überhaupt nicht, weil man ihnen keinen Anreiz dazu gibt. Generell ist die gesamte schulische Ausbildung alles andere als gut und fortschrittlich. Die Aufklärung über die Gesundheit ist unterirdisch und es gibt einfach so viel zu tun.

Radarmagazin: Wo gilt es besonders, anzusetzen?
Sonja: Wirklich in den Schulen und der Ausbildung der Lehrer. Wenn du den Kindern das Handwerkszeug mitgibst, um selbstständig zu denken, zu lernen und zu leben, erst dann haben sie eine Chance. Sie brauchen die richtigen Denkanstöße, um sich selbst wirklich nachhaltig helfen zu können.

Radarmagazin: Ihr helft mit eurem Verein zurzeit gezielt in der Region um Have. Könntet ihr euch vorstellen, eure Hilfe noch auf weitere afrikanische Gebiete zu erweitern? Was wäre dazu nötig?  
Sonja lachend: Also außer mehr Geld und mehr Leuten, wäre nichts weiter nötig. Ich kann immer nur so viel machen, wie ich Geld habe. Das Geld ist meine Grenze. Je mehr Geld, desto höher die Grenze.

Radarmagazin: Was würdet ihr Menschen raten, die sich selbst sozial engagieren wollen, aber nicht genau wissen, wie?
Sonja: Wenn man sich sozial engagieren will, ist es hier in Deutschland überhaupt kein Problem, da findet man sofort etwas – und wenn man ins nächste Altersheim geht und dort aus der Zeitung vorliest.
Wenn man etwas weiter weg machen möchte, wie beispielsweise in Ghana, ist natürlich die Frage, wie man dort ran geht. Es gibt viele Hilfsorganisationen, die man sich anschauen kann und die einen auch gezielt an Projekte vermitteln. Dort kann man dann gegebenenfalls hinreisen und schauen, ob es das ist, was man machen möchte und ob es einem liegt. Oder ob man sich dafür entscheidet, einen dieser Vereine langfristig zu beobachten und finanziell zu unterstützen, auch wenn man dafür beispielsweise Marmelade selbst einkocht, verkauft und das Geld dann spendet.
Wenn man allerdings erst einmal dort ist und man die ganzen Zustände sieht, möchte man das unbedingt ändern. Sicherlich möchte man auch hier in Deutschland gerne sehr viele Dinge ändern, aber hier ist es unmöglich und dort, in Ghana, kann man es wirklich umsetzen!

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