„#Make Journalism Great Again“

Prof. Dr. Michael Beuthner hat am 25. Januar 2017 einen Brief mit dem Titel „#Make Journalism Great Again“ verfasst. In diesem äußert er seine Sorgen über den Journalismus. Wir haben in einem Interview nachgefragt, warum er diesen Brief geschrieben hat und was er sich durch die Veröffentlichung erhofft.

 

 Hier könnt ihr euch den Brief ansehen:

 


#Make Journalism Great Again!
Statement gegen demagogische Rufschädigung

(persönlich)

 Als Privatperson und Journalisten-Ausbilder möchte ich mich auf diesem Wege zu aktuellen Ereignissen äußern.

Der Journalismus hat in den USA einen Frontalangriff auf seine Glaubwürdigkeit hinnehmen müssen. Im Foyer der CIA ließ der US-amerikanische Präsident Donald Trump über den „laufenden Krieg mit den Medien“ aus. Wer für sie arbeite, insbesondere Journalisten, seien „die unehrlichsten menschlichen Wesen auf der Erde“.

Als Indiz für die vermeintlich falsche Berichterstattung diente ihm die zweifelsfrei belegte Feststellung, dass am vergangenen Freitag in Washington weniger Menschen seine Amtseinführung vor Ort miterlebt hatten als die von Barack Obama 2009. Am Samstagabend schickte Trump seinen Sprecher Sean Spicer erstmals in den „Briefing Room“ des Weißen Hauses und ließ ihn verkünden, dass die Medien gelogen hätten: „Dies war das größte Publikum, das jemals eine Amtseinführung miterlebt hat, persönlich als auch rund um den Globus.“ Die Presse müsse unmissverständlich verstehen: „Das ist keine Einbahnstraße. Wir werden auch die Presse zur Rechenschaft ziehen.“

Das taktische Kalkül ist mehr als deutlich: Trump versucht die Glaubwürdigkeit eines gesamten Berufsstandes zu unterminieren und zu verunglimpfen. Durch den Auftritt beim CIA versuchte er damit nicht nur seine „Nazi“-Attacken gegen den Geheimdienst den Medien zuzuschieben, sondern auch, die Berichte über die gegen ihn gerichteten Massenproteste in US-amerikanischen Großstädten vorbeugend ihrer Glaubwürdigkeit zu berauben. Trump weiß zu genau, dass er – um zukünftig in dem von ihm mit hervorgebrachten „postfaktischen Zeitalter“ – alle erdenklichen Neuerungen in seinem Sinne durchdrücken zu können, zunächst die gesellschaftliche Beobachtungs- und auch Kontrollinstanz entmachten bzw. bereinigen muss: den Journalismus. Sortiert wird schon: Fox News passt, CNN sind „Fake News“.

Im „Kriegszustand“ wird rasch mit Sanktionen gedroht. Auf welcher Grundlage? Eigenen Wahrheiten? Trumps Spitzenberaterin Kellyanne Conway rechtfertigte beim Sender NBC die Äußerungen von Trumps Sprecher Sean Spicer am Sonntag damit, dieser habe „alternative Fakten“ präsentiert.

Aber machen wir uns nichts vor: Der Journalismus steht auch in Europa und in Deutschland unter Druck. Die „Lügenpresse“-Rufe der Rechtspopulisten haben sich inzwischen zu einem Generalverdacht gemausert, dem immer mehr Menschen aufsitzen. Ja, es gibt immer wieder schlechten Journalismus, der zu viel behauptet, zu viel skandalisiert etc. Der Griff an die eigene Nase und das Kehren vor der eigenen Haustür sind sicherlich notwendig. Aber was hier versucht wird, ist eine Nummer größer, denn es geht nicht um einzelne Schafe, sondern um die ganze Herde!

 Und in Europa? 2015 hat die Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) die Parlamentswahlen in Polen gewonnen. Unmittelbar danach wurde mit dem Umbau des Justiz- und Medienapparates begonnen. Das umstrittene Mediengesetz, das im Januar 2016 in Kraft getreten ist, hat das Aufsichtsgremium der öffentlich-rechtlichen Medien schlicht entmachtet: Ab sofort sollen die Führungspositionen von der Regierung bestimmt werden. Die Eingriffe in das Mediensystem Polens ähneln dem, was seit 2010 in Ungarn passiert ist. Hier sind die öffentlich-rechtlichen Medien seit der Machtübernahme des Rechtspopulisten Viktor Orbán in ein von der Regierung kontrolliertes Sprachrohr verwandelt worden. Kritische Journalisten wurden entlassen, öffentliche Medienmitarbeiter führen nur noch Befehle aus. Und nicht zu vergessen: Nach dem misslungenen Putschversuch 2016 in der Türkei werden dort vor allem auch Journalisten inhaftiert und unter Druck gesetzt. …Und es war noch gar nicht die Rede von Fake-News, von Meinungsmanipulationen durch Social Bots, Vorratsdaten-speicherung und den Einsatz von Algorithmen in der journalistischen Contentproduktion.

Um es journalistisch auf den Punkt zu bringen: Die Berichterstattung darüber, dass der Journalismus demontiert wird, reicht nicht! Es braucht meines Erachtens ein solidarisches und leidenschaftliches Signal. Es braucht ein klares Statement, das nicht Gleiches mit Gleichem begegnet, sondern markiert, dass wir Journalisten und alle die in der Branche arbeiten nicht Schafe sind, die sich treiben und benutzen lassen. Es braucht dazu keine Kriegsrhetorik, aber eine deutliche Ansage, dass der Journalismus sich nicht kleinmachen lässt, schon gar nicht durch offensichtliche Machenschaften und Machtspiele, die die Einschränkung von Meinungs- und Redefreiheit im Sinn haben.   

 Der Zeitpunkt kann – trotz oder gerade wegen der Umstände – kaum besser sein, die Professionalität und Unabhängigkeit des Journalismus unter Beweis zu stellen und den Stellenwert der Pressefreiheit einzufordern. Die sich abzeichnende Gemengelage in den USA und in Europa erfordert Wachsamkeit und Reaktion und letztlich auch mehr als nur eine kurzweilige Empörung.    

Berlin, 25.01.2017

Prof. Dr. Michael Beuthner

 

 

 

 

 

 

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