Es weht ein neuer Kaffeeduft im Kranzler

Wer auf der großen Kreuzung des Ku’damms steht, übersieht sie nicht: die rot-weiß gestreifte Markise des Café Kranzler. Einer Untertasse gleich, thront die denkmalgeschützte Rotunde über der längsten Einkaufsmeile Berlins. Nachdem es lange Zeit ruhig um das Kultcafé geworden war, befindet sich dort wieder ein echtes Schmuckstück.

Das neue Café Kranzler ist, bis auf seine traditionell auffällige Markise, insgesamt sehr zurückhaltend gestaltet. So zurückhaltend, dass es auf den ersten Blick nicht offensichtlich ist, wie man hoch in die Rotunde gelangt. Der Haupteingang befindet sich tatsächlich mitten im darunter gelegenen Superdry Store. Eine weiße Wendeltreppe führt hoch in das bezaubernde kleine Café, welches auf Anhieb zum Verweilen einlädt.

„Jeder, der hier reinkommt, versteht, dass es anders und mit Liebe gemacht ist“, erzählt uns Ralf Rüller, der neue Besitzer des Café Kranzler. Mit viel Liebe zum Detail hat sich der Gründer der ersten Berliner Kaffeerösterei „The Barn“ an die Gestaltung seines dritten Lokals gemacht. Hinter jeder Kleinigkeit steckt eine Idee. So auch hinter den häufig in der Presse kritisierten henkellosen Tassen: „Man kann die handgemachten Tassen aus Kopenhagen in den Händen halten. Sich daran aufwärmen. Dadurch ist man mit dem Kaffee verbunden. Der Henkel schafft Abstand.“

Rüller schwärmt auch vom „Kissing Corner“, einer kleinen privaten Ecke hinter dem Aufzug, in die man sich zurückziehen kann. Diese hat er mit Leib und Seele verteidigt, als die Techniker dort einen Elektrokasten verstauen wollten.

Jeden Tag ein neuer Blickwinkel

Das unauffällige Design hat den Stil eines japanischen Teehauses. Die Freiheit des Raumes wird nicht von schweren Möbeln oder grellen Farben gestört. Die Panoramaaussicht auf den Ku’damm bis hin zum Bahnhof Zoo und zur Gedächtniskirche, verbreitet ihre volle Wirkung. Man kann sich bei jedem Besuch des Kranzlers einen neuen Platz suchen und sich somit einen neuen Blickwinkel verschaffen.

„Ich habe zwei Jahre lang nach einem Objekt im Westen gesucht. Die Ostimpulse, durch junge, kreative und internationale Leute getrieben, infizieren den Westen zurzeit sehr stark. Das war der Grund, warum ich an den Ku’damm wollte. Und wer würde hier oben nicht sein wollen“, so der Kaffeebesitzer begeistert.

Ralf Rüller hat große Pläne für den Sommer. Auf der Außenterrasse der Rotunde finden an die 60 Menschen Platz. Dazu kommt noch eine Dachterrasse, auf der im Sommer Sonnenliegen ihren Platz finden werden. „Ich bin ganz froh, dass jetzt Winter ist. So können wir erst einmal unseren Rhythmus finden und die Baristas können sich einarbeiten.“

Kaffee bitte nur schwarz

Der Kaffee wird im Kranzler mit Liebe gemacht. Den leidenschaftlichen Baristas kann man bei der Zubereitung des Kaffees zusehen. Auf der Karte findet man die „Handgebrühten“, die nur schwarz serviert werden. Die Milch würde die bis zu 800 Eigenaromen des handgefilterten Kaffees zerstören. Um die vielfältigen Kaffeearomen kennenzulernen, kann man jeden Sonntag umsonst an einer Verkostung im Kranzler teilnehmen.

Mit Milch gibt es nur Espressogetränke. Aber auch hier hat Rüller sich Gedanken gemacht. Verwendet wird nur Vollmilch von glücklichen Kühen aus dem Ökodorf Brodowin, kurz vor Berlin.

Das Café Kranzler existiert in Berlin bereits seit 1825, als Georg Kranzler Unter den Linden und an der Friedrichstraße zum ersten Mal ein Café aufmachte, das für das allgemeine Publikum und nicht nur für die Elite zugänglich war. Das Lokal am Ku’damm wurde 1932 eröffnet und ist das Einzige, das nach dem Krieg wieder aufgebaut wurde. Kein Wunder also, dass Rüller seit der Eröffnung bereits einige Stammgäste von früher empfangen durfte. Diese saßen dann mit Harald Juhnke oder Paul Kuhn zusammen bei einem Kännchen Kaffee. „Eine ältere Dame, die früher immer im Café Kranzler gearbeitet hat, kam vorbei und hatte Tränen in den Augen“, erzählt Rüller.

In der Presse wurde oft darüber geredet, das neue Café Kranzler gefalle den älteren Menschen nicht mehr. Früher sei alles besser gewesen. Gegen diese allgemeine Meinung sträubt sich Ralf Rüller: „Ordentlicher Kaffee muss nicht plüschig sein, um auch einer anderen Generation zu gefallen. Geschmack und Qualitätsbewertung hat nichts mit Alter zu tun und geht auch durch alle sozialen Klassen. Geschmack ist extremst persönlich.“

Geschrieben von
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