Die Trennung von Literatur und Journalismus

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Kriterien wie Information und Faktizität gelten als grundlegende Prinzipien journalistischer Tätigkeit und setzen die Banngrenze zur Literatur. Doch das Verhältnis bleibt bis heute gespannt. Der Idee eines literarischen Journalismus steht die Furcht vor „hereinbrechenden Rändern“ gegenüber. Was taugt die strenge Demarkation und welche Möglichkeiten werden dadurch verbaut? Ein Ausflug in die Grauzone.

Nach dem Staunen kam die Ernüchterung. Im Mai 2000 publizierte das Nachrichtenmagazin „Focus“ einen Artikel, der die mediale Öffentlichkeit in Aufruhr versetzte: „Frei erfunden, nie geführt“, titelte das Blatt. Wie sich herausstellte hatte der Berner Reporter Tom Kummer zahlreiche Blätter und Magazine im deutschsprachigen Raum mit Star-Interviews aus Hollywood versorgt, die sich nachträglich als Fälschung erwiesen.

Auch in der Schweiz fand Kummer willige Abnehmer: Ende Mai desselben Jahres gab das Magazin des „Tagesanzeigers“ bekannt, dass es „einem Fälscher auf den Leim gekrochen“ war und zwei einschlägige Gespräche veröffentlicht hatte: „Wir haben uns von einem begnadeten Märchenerzähler verführen lassen,“ schrieb der damalige Chefredaktor Roger Köppel. 

Es war einmal…

Vor fast 3000 Jahren beschrieb Homer in seinem berühmten Epos „Ilias“ das Schicksal der Stadt Troja. Er berichtet darüber, dass der Krieg um Troja im mykenischen Zeitalter spielt. Diese Angabe setzen Archäologen und Historiker um und belegen, dass seine Erzählung um 1300 bis 1200 Jahre vor Christus anzusiedeln ist. Das griechische Mykene erlebte damals seine Blütezeit und war daher durchaus in der Lage Kriege zu führen. Aber hat ein Krieg zwischen Griechen und Trojanern in dieser Zeit tatsächlich stattgefunden? Wurde Troja von den Griechen niedergebrannt, wie Homer es beschrieben hat? Dann besäßen seine Erzählungen tatsächlich einen historischen Kern und wären nicht nur Weltliteratur, sondern auch historisch verwertbare Quellen.

Über diese Fragen machten sich die Zuschauer keine Gedanken als Troja, der US-amerikanische Spielfilm des deutschen Regisseurs Wolfgang Petersen aus dem Jahre 2004, in die Kinos kam. Homers Held Achilles eroberte Millionen von Herzen. Da stellt man Brad Pitt hin, der im Film als der griechische, unwiderstehliche Krieger des gesamten Plots hervorgeht und schon schmelzen tausende Frauenherzen dahin, bangend um sein Schicksal.

Existenz Trojas gilt als weithin gesichert

Lange galt die Existenz Trojas als Legende. Ob die „Journalisten“ zu Homers Zeiten, gemeint sind natürlich mündliche und schriftliche Überlieferer, Informationen subjektiv (wie auch später Tom Wolfe) weitergaben, ist sehr wahrscheinlich. Insbesondere gebildete Menschen mit Zugang zu Bildung, Literatur und Poetik schrieben nicht nur nur, sondern sprachen auch mit großer Detailtreue, Emphase und Leidenschaft.

1870 entdeckte der deutsche Archäologe und Abenteurer Heinrich Schliemann in Hissarlik an den türkischen Dardanellen Ruinen, die er als Troja identifizierte. Sein spektakulärster Fund war der so genannte „Schatz des Priamos“: Eine Truhe mit Kelchen und Schmuck aus Gold. Heute steht jedoch fest, dass der Fund einer weit früheren Epoche zuzurechnen ist. In der Folge Schliemanns entdeckten Archäologen in Hissarlik zehn Siedlungsschichten. Ob der trojanische Krieg einen historischen Kern hat, ist weiterhin umstritten. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Ereignisse des trojanischen Krieges, wenn überhaupt, der siebten Siedlungsphase um 1200 v. Chr. zuzurechnen sind. Homer hat sich in seinen insgesamt 30 000 Verse umfassenden Epen – so nehmen Wissenschaftler an – auf mündliche Überlieferungen aus den fünf Jahrhunderten davor gestützt.

Storytelling

In jeder guten Geschichte ist ein Held vorzufinden. Er macht einen wesentlichen Teil des Erfolgsrezeptes aus! (Foto: IMDb.com)

Geschichten finden einmal im Leben statt und wenn sie gut erzählt sind, bewegen sie unsere Herzen. Man ergreift Partei für Protagonisten, Helden und Antihelden, man freut sich und leidet mit ihnen. Dadurch erscheinen sie für einen Moment lebendig und werden Teil unseres Lebens, indem wir uns mit anderen darüber austauschen und über die Lehre und Bedeutung der Geschichte philosophieren. Die Kunst, Geschichten so zu erzählen, dass jemand gerne zuhört, weiterliest oder klickt, nennt man Storytelling. Storytelling beruht auf der Erkenntnis, dass Menschen komplexe Zusammenhänge besser verstehen, wenn sie ihnen als Geschichte präsentiert werden. Zu den journalistischen Formen, die genau solche Methoden anwenden, gehört unter anderem der New Journalism.

 

 

New Journalism Plakat (Foto: wikipedia.de)

Dem distinguierten, sachlichen Informationsstil des gängigen Journalismus einen atemlosen emphatischen Schreibstil entgegensetzen

Der New Journalism wurde maßgeblich vom US-amerikanischen Journalisten und Schriftsteller Tom Wolfe geprägt, der 1973 auch die gleichnamige Anthologie “New Journalism” herausgab. Es entwickelten sich gesellschaftliche Lebensformen mit einer musikalischen Subkultur, die sich nicht von den Medien repräsentiert fühlten. Politik und Gesellschaft wurden anders wahrgenommen. Es vollzog sich eine Art Kulturrevolution von unten, die eine Hinwendung zum Alltagsgeschehen, zu Geschichten, die das Leben der Menschen abbildeten, darstellte. Zu den Prinzipien des New Journalism gehören bis heute literarische Mittel, die den Journalismus zur Kunstform erhebt.

Nähe statt Distanz. Subjektivität statt Objektivität

Das besondere Merkmal des New Journalism war die Aufforderung an Journalisten, mit dem traditionellen Journalismus zu brechen. Abweichend von der journalistischen Praxis schrieben die Vertreter des New Journalism stark subjektiv eingefärbte Artikel. Trotz dieser Hinwendung zum Literarischen liegt den Reportagen detailgetreue umfangreiche Recherche zugrunde. Bevorzugte Sujets sind Gewalt und Unterdrückung, aber auch Porträts von Personen. So prägte Gay Talese mit seinem Porträt “Frank Sinatra hat eine Erkältung” den New Journalism. Die Reportage gilt noch heute als Grundform des Genres. Aufgrund der aufwendigen Recherche sind Reportagen im Stil des New Journalism kein Alltagsprodukt und sind eher in Magazinen und Wochenblättern wie “Die Zeit” zu finden.

Die Vorstellung einer hierarchischen Ordnung zwischen Literatur und Journalismus ist noch heute präsent. Zu nennen ist hier die in der Literaturwissenschaft häufig geübte Praxis, besonders qualitätsvolle journalistische Texte nicht als „Journalismus“, sondern terminologisch als „Literatur“ zu behandeln und damit gleichsam zu adeln. Zu nennen ist aber auch stetes Bemühen, besonders gelungene journalistische Texte in Buchform zu publizieren, um sie aus den Niederungen der Vergänglichkeit in die Ewigkeit der Literatur hinüberzuretten.

Historie der Entfremdung?

So gesehen erscheint die Ausdifferenzierung von literarischer und journalistischer Tätigkeit vor allem als Historie der Entfremdung, als Prozess der allmählichen Verhärtung festgelegter Fronten, in dessen Verlauf sich die tradierte Grenze zu einem institutionell verankerten Dogma entwickelt hat. Was den Nachrichtenjournalismus betrifft, ist diese Einschätzung zweifellos richtig. Sie übersieht jedoch die grosse Zahl an Grenzgängern, die dem literarisch-publizistischen Feld stets wichtige Impulse verliehen haben. Sie übersieht aber auch die fliessenden formalen Übergänge (Reportage, Feature, Feuilleton, Porträt), die den Trennstrich nie als absolut erscheinen liessen.

 

Geschrieben von
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