Aber ist es auch schön?

Structure (Foto:https://www.designspiration.net/save/1307358186054/)

Jeder kennt und verwendet das Wort Design. Während Design sofort mit etwas Kostspieligem assoziiert wird, kommt ihm in einer durch und durch ästhetisierten Gesellschaft eine neue Rolle zu – eine politische.

Design, als Lieferant verbreiteter Alltagsästhetik, genießt einen guten Ruf. Schön gestaltete Dinge machen Freude. In ihm verbirgt sich tieferliegend ein Prinzip, das Designprinzip, das weit über jede Ästhetik hinausgeht und mittlerweile alle Lebensbereiche erfasst hat. Doch was für eine Rolle spielt Design konkret in unserem Leben und: Hält es wirklich ein, was es verspricht?

Industrie-Designerinnen und -Designer beeinflussen die Art und Weise, in der wir leben und arbeiten tiefgreifend. Ob Smartphones, Stapelstühle oder Baumaschinen – ihr Spektrum ist groß. Sie erfinden, planen und entwerfen Dienstleistungen und Produkte sowie deren Interfaces. Dabei möchten sie ästhetischen, sozialen, kulturellen und ergonomischen Ansprüchen von Nutzern gerecht werden.

Stammeskulturen hatten Vertrauen in die Magie, antike Hochkulturen in die Götter und die Moderne in die Technik. Die nächste Gesellschaft  hat nur noch Vertrauen in das Design.

Das designte Leben ist nicht nur schön, es ist schön gestaltet. Es wird entworfen, und darin liegt seine Kraft. Denn Design meint die bewusste Gestaltung zwischen Funktion und Oberfläche. Es interveniert, es greift ein in Räume, Beziehungen und Konstellationen. Armlehnen, die eine Bank in einzelne Sitze unterteilen, verhindern, dass sich jemand dort hinlegen kann. So wie die Benutzeroberfläche einer App bestimmt, was ich eingeben kann. Wie der Spieler eines Computerspiels denkt, er würde eigene Entscheidungen treffen, sich dabei aber nur zwischen programmierten Handlungsmöglichkeiten entscheiden kann, navigieren wir durch die „Gesellschaft der Suggestion“, sagt Friedrich von Borries, Professor für Designtheorie an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Er glaubt, dass Design sich seiner politischen Dimension gar nicht entziehen kann. Selbst wenn es vermeintlich neutral und funktionalistisch ist und nur ein Problem lösen soll, sichere es oft genau dadurch eine bestehende Ordnung – und übernimmt damit, auch ohne es zu wollen, eine politische Funktion.

Der Bummeleffekt

Der Gang in der Einkaufsmall kann seine Tücken haben: Unzählige Objekte winken uns hinter den glasklaren und aufwendig dekorierten Vitrinen. Wie so oft haben sie eine magnetische Wirkung und verleiten uns zum spontanen Konsum -auch wenn ein Kauf ursprünglich nicht geplant war. Schönheit hat ihren Reiz, ist auffallend und kann durch ihre entworfene Ästhetik hypnotisierend sein. Ästhetik ist demnach keineswegs oberflächlich, ebenso wenig wie das vollendete Design eines iPhones. Design spielt eine immer größere Rolle in unserem wettbewerbsorientierten Dasein. Nie war es so in aller Munde.

Die Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse, kurz AWA genannt, ermittelt auf breiter statistischer Basis Einstellungen, Konsumgewohnheiten und Mediennutzung der Bevölkerung in Deutschland. Ihre Statistik zeigt das Ergebnis einer Befragung in Deutschland zum Interesse an modernem Design in den Jahren 2014 bis 2017: Im Jahr 2017 gab es rund 5,38 Millionen Personen in der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahre, die besonderes Interesse an modernem Design hatten.

Es ist also an der Zeit, sich einmal etwas gründlicher zu überlegen, was das eigentlich ist, was es mit uns anstellt und was es für alle, die beruflich mit diesen Dingen zu tun haben, aber auch und gerade für Konsumenten und Bürger allgemein bedeutet. Denn Design ist ambivalent.

Beispiel Apple: Der Hersteller hat es geschafft, dass manche Kunden sogar bei Technik, also einem Werkzeug per definitionem, das Design wichtiger ist als die Leistung. Fest steht: Gestaltung ist heute nicht mehr nur etwas für Kenner und Ästheten, wir leben in einer Designkultur, die ihren Alltag bis ins Kleinste ästhetisiert. Man will sich zuhause damit umgeben, Vitra-Stühle und Stelton-Kannen sind die selbstverständlichsten Statussymbole des Großstadt-Mainstreams. Wo es früher noch um reinen Nutzen ging, ist die Gestaltung plötzlich relevant: Das Design des neuen ICE wird besprochen wie die neue Kollektion von Prada. Zum einen könnte das eine logische Konsequenz der visuellen Ausrichtung sein. Anders gesagt, ein Leben, das auf Instagram ausgestellt wird, muss eben auch ein schönes Leben sein.

Design navigiert immer mit, das ist der Grund, warum sich nicht nur Kunst- und Ästhetik-Theoretiker, sondern in letzter Zeit verstärkt auch Soziologen damit auseinandersetzen. Indem es in allen Lebensbereichen relevant wird, wird es auch zum politischen Instrument. Datenschützer etwa fördern in „Privacy by Design“, eine Art Bedienung für mehr Datenschutz. Im Digitalen liegt das nahe, weil eine App oder Website immer entworfen wird. Aber auch die Pfandringe und -kästen etwa, die sich an Ampeln oder Mülleimern anbringen lassen, sind so ein Beispiel. Auch analog soll Design richten, was politisch nicht so läuft.

Design ist ein Doppelwesen

Von Borries politische Designtheorie soll helfen, sich bewusst zu machen, welche Wirkung Design hat, und er unterscheidet dabei zwischen entwerfend und unterwerfend. Entwerfendes Design versucht, seinen Benutzern „echte Handlungspielräume für ihr Leben zurückzugeben. Es stattet sie mit Technologien, Werkzeugen, Instrumenten und Symbolen eines selbstbestimmten Lebens aus“, sagt Borries. Unterwerfendes Design schränkt sie ein. Es bestätigt bestehende Herrschafts-, und Machtverhältnisse, indem es sie funktional und ästhetisch manifestiert. Das gilt für ein modernes Hochhaus genauso wie für barocke Schlösser, für eine Monstranz genauso wie für ein Smartphone: „Die Gestaltung dient der Verherrlichung eines Identifikationsangebots, dem der Mensch sich unterwerfen soll.“ Die Herausforderung besteht darin zu erkennen, ob ein Design entwerfend oder unterwerfend ist, denn der Übergang ist fließend, und unterwerfendes ahmt im sich ständig erneuernden Kapitalismus entwerfendes Design nach. Claims wie „Du darfst“ und „Just do it“ suggerieren Freiheit und Optionen, die gar nicht existieren.

Design war immer schon ein Doppelwesen. Es gehört der Welt des Alltags an und der Imagination, der Kunst und der Ökonomie. In einem durchästhetisierenden Alltag in einer Gesellschaft, die Design zur Leitdisziplin der Zukunft macht, wird eine dritte Komponente wichtig, eine politische. Und zu den Merkmalen, die gutes Design ausmachen, kommt eines hinzu: Gutes Design fördert Selbstbestimmtheit.

 

Geschrieben von
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