Integration mit Hindernissen

Sommerfest der VVBB 2017 (Foto: vietnam-bb.de)

Seit 25 Jahren setzt sich die Vereinigung der Vietnamesen Berlin & Brandenburg für Bleiberecht und Integrationshilfe ein. Eine Generation später genießen Vietnamesen einen guten Ruf in der Gesellschaft. Doch das war nicht immer so.

Die Immigrationsgeschichte der Vietnamesen reicht bis ans Ende der 70er Jahre zurück. 1979 entschied sich die Bundesregierung, nach der ersten Indochina-Flüchtlingskonferenz, bis zu 38 000 vietnamesische Geflüchtete aufzunehmen. Viele davon kamen als „Boat People“ oder als „Kontingentflüchtlinge“ in die Bundesrepublik Deutschland (BRD). Kriegswaisen fanden ein neues Zuhause bei deutschen Familien. Die Integration wurde durch Sprachkurse und Einbindung in die Gesellschaft gefördert.

In die Deutsche Demokratische Republik (DDR)  kamen viele Vietnamesen aus dem befreundeten Nordvietnam als Vertragsarbeiter. Geplant war, dass die Vietnamesen zwei bis fünf Jahre hier arbeiten und Geld verdienen. Mit dem Geld sollten sie sich selbst und ihre Familien in der Heimat unterstützen können. In verschiedenen Fabriken arbeiteten sie für einen Hungerlohn und mussten zwölf Prozent an den vietnamesischen Staat abgeben. Da blieb nur genug, um sich selbst zu versorgen. Die Arbeiter wohnten in Wohnheimen, die von ihren Arbeitgebern zur Verfügung gestellt wurden. Sie waren unter sich und getrennt von den deutschen Mitbürgern. Der Kontakt zu den Deutschen war von der Regierung nicht gewollt und sogar verboten.

Nach dem Mauerfall verloren die Vertragsarbeiter ihre Jobs, weil die DDR-Betriebe schließen mussten. Die Aussichten waren schlecht, denn nach Vietnam zurückzukehren, war für den Großteil keine Option. Deutschland war nach dem langen Aufenthalt – trotz der Abkapselung von der DDR-Gesellschaft – ein neues Zuhause geworden. Vietnam wollte seine Bürger auch nicht mehr zurücknehmen. Den Menschen wurde ein besseres Leben in Europa versprochen und das wollten sie nicht einfach so aufgeben. Die deutsche Regierung bot den ehemaligen Vertragsarbeitern an, die Kosten für die Rückkehr zu übernehmen. Viele lehnten das Angebot jedoch ab.

Zwischen Regeln und Überleben

Auch Tang Chu Tien, ein ehemaliger Vertragsarbeiter in Ost-Berlin und Leiter der Vereinigung der Vietnamesen in Berlin und Brandenburg (VVBB), entschied sich damals zu bleiben. Zusammen mit Gleichgesinnten gründete er 1992 die Vereinigung und ließ sie im gleichen Jahr in das Vereinsregister eintragen. Parteien und andere Vereine unterstützten die VVBB und eröffneten gemeinsam den Kampf um das Bleiberecht für die Vertragsarbeiter der DDR.

1993 kamen sie ihrem Ziel ein wenig näher. Die Vietnamesen durften aus humanitären Gründen für eine begrenzte Zeit hier bleiben. „Das war mit vielen Auflagen verbunden. Man musste sich selbst ernähren, selbst den Lebensunterhalt verdienen. Man musste eine Wohnung haben und durfte keine Straftaten begehen“, erzählt Tang aus der Zeit. Erst 1997 erhielten sie die unbefristete Aufenthaltsgenehmigung.

Die Vietnamesen waren auf sich allein gestellt. Der Staat bot ihnen keine kostenlosen Sprachkurse oder Integrationsprogramme an. Es war ja überhaupt nicht vorgesehen, dass diese Menschen hier bleiben. Die Vertragsarbeiter dienten in der DDR nur als billige Arbeitskraft. Nach dem Ende der DDR gab es für sie keinen Platz mehr in der Gesellschaft. Ohne Sprachkenntnisse und ausreichender Bildung, war es ihnen nicht möglich, am deutschen Arbeitsmarkt teilzunehmen. „Die Vietnamesen fanden eine Nische. Die Selbständigkeit“, meint Tang. Es eröffneten unzählige asiatische Imbisse, Restaurants und Nagelstudios, Änderungsschneidereien oder Blumenläden.

Mit Zigarettenschmuggel an das große Geld

Währenddessen erhob sich das Zigarettengeschäft aus dem Untergrund. Vietnamesen fanden damit einen Weg, um schnell gutes Geld zu verdienen. Unversteuerte Zigaretten wurden aus Russland oder Polen über die deutsche Grenze geschmuggelt und in Deutschland an Einzelhändler verkauft. Mit einzelnen Stangen stellten sie sich an eine Straßenecke und verkauften sie billig an Passanten. Die Nachfrage stieg, denn man fand Gefallen daran, nur die Hälfte für Zigaretten zahlen zu müssen.

Durch das schnell verdiente Geld stieg der Konkurrenzkampf. Banden formierten sich. Der Verkauf wurde immer besser organisiert, sodass sich letztendlich mafia-ähnliche Strukturen bildeten. Minh L., ebenfalls ein ehemaliger Vertragsarbeiter, war mittendrin. „Wir schmuggelten LKWs voll mit Zigaretten. In einen LKW passten ungefähr 40 000 Stangen.“ Er schaffte es bis ganz nach oben im umkämpften Zigarettengeschäft. Die Polizei nahm den Zigarettenschmuggel für lange Zeit nicht ernst. Bis Vietnamesen daraus ein Millionengeschäft machten und Geld über Menschenleben bestimmte.

Beim Bleiberecht hört es nicht auf

Heute gelten Vietnamesen als sehr gut integriert. Sie sind unauffällig und genießen das Leben und die Vorteile im demokratischen Europa. So scheint es.
Ziel der VVBB ist es, Vietnamesen dabei zu helfen sich nicht nur in die Gesellschaft zu integrieren, sondern ihnen auch die Möglichkeit auf Partizipation zu geben. „Nach  der Wende, haben die meisten Vietnamesen gedacht, dass sie hier bis zum Rentenalter arbeiten und danach in die Heimat zurückkehren. Nach 20 Jahren in Deutschland ist die Heimat fremd geworden. Nicht nur vom Lebensstandard her, sondern auch von der Gesundheitsversorgung und Klima“, sagt Tang. Die Menschen planen hier alt zu werden. „Man möchte hier natürlich auch etwas vom Leben haben“, meint er.

„Sprache ist das Wichtigste, um integrieren zu können“, unterstreicht er. Deswegen bietet die VVBB Deutschkurse an. Die Kurse haben zwar kein Zertifikat vom Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge, aber „wir sagen dazu Kommunikationskurse“, meint Tang. Zudem hilft sie auch beim Verstehen und Beantworten von Briefen von Behörden. Denn selbst mit ausgeprägten Sprachkenntnissen könne die deutsche Bürokratie überfordernd sein. Einen besonderen Fokus, findet Tang, solle man auf die Gesundheit legen. „Unsere Landsleute haben die letzten Jahre hart gearbeitet. Sieben Tage die Woche, zehn bis zwölf Stunden pro Tag“, erklärt er.

Um den Vietnamesen zu helfen, werden regelmäßig Fachvorträge zu gesundheitlichen Themen, wie Krebsvorsorge veranstaltet. Mithilfe von Krankenhäusern und Netzwerken, wie z.B. das IKMO (Interkulturelles Kompetenzzentrum für Migrant*innenorganisationen Berlin) wird auch über die mentale Gesundheit aufgeklärt. Häufig leiden die Menschen unter Depressionen oder anderen psychischen Krankheiten. Grund dafür seien oft die harten Arbeitsjahre, dazu wenig Verdienst und wenig Freizeit.

Die Schwierigkeiten der zweiten Generation

Für die Kinder vietnamesischer Familien bietet die VVBB Vietnamesischkurse an. Viele haben Schwierigkeiten mit der vietnamesischen Sprache oder der Kultur. Denn bis auf die Herkunft der Eltern oder den jährlichen Urlaub in Vietnam, gibt es keinen Bezug. Weil die Eltern so viel arbeiten, damit es ihren Kindern an nichts fehlt, verbringen sie die meiste Zeit in einem deutschen Umfeld. Sprechen hauptsächlich Deutsch und übernehmen die Werte und Sitten. Die vietnamesische Kultur ist zu exotisch, zu ungewöhnlich und wird deswegen verleugnet. Oder es wird sich darüber lustig gemacht. Comedians, wie Tutty Tran, der mit vietnamesischen Klischees spielt und den vietnamesischen Akzent seines Vaters nachahmt, wird von vietnamesischen Jugendlichen, aber auch Deutschen gefeiert.

Das Sprachniveau der Vietnamesen zweiter Generation ist höchstens B1. Das bedeutet, dass eine normale Unterhaltung geführt werden kann, aber fachliche Zusammenhänge schwer zu erklären sind. Keinesfalls muttersprachliches Niveau. Vietnamesisch lesen und schreiben können auch nur die Wenigsten. Besucht man seine Verwandten in Vietnam, weiß man, diese Menschen sind Familie und man sollte sie lieben, aber eigentlich weiß man gar nicht, wer sie sind. Es sind bekannte Fremde.

Millenials sind für mehr Öffentlichkeit

Vietnamesische Schüler sind in Schulklassen gerne gesehen. Sie gelten als fleißig und schreiben in der Regel gute Noten. Für ihre Eltern ist eine gute Bildung der Schlüssel für eine erfolgreiche Zukunft. Die Erwartungen sind hoch. Die Kinder werden so erzogen, dass sie das Gefühl haben, sie müssen diesen Erwartungen gerecht werden. Ihre Eltern haben schließlich so viel geopfert, damit sie es später besser haben. Mit guten Noten begleicht man somit seine „Schuld“. Kreativität ist gut, aber nicht in der Berufswahl. Hauptsache man verdient gutes Geld. Als vietnamesisches Kind lernt man, dass finanzielle Sicherheit der Schlüssel zu einem erfolgreichen Leben ist.

Mit mehreren Kulturen aufzuwachsen ist ein Privileg. Junge Vietnamesen erkennen das mehr und mehr und möchten mehr über ihre Wurzeln wissen. Der Familienurlaub in Vietnam ist keine Obliegenheit mehr. Für die Eigenarten wird sich nicht mehr geschämt, sondern sie werden angenommen und wertgeschätzt. Beitragend dazu ist auch das wachsende Interesse der Deutschen an der vietnamesischen Kultur. Für Touristen ist Vietnam ein beliebtes Reiseziel. Manchen reicht auch eine Reise in das Dong Xuan Center. Da erlebt man Authentizität ganz nah. Trotzdem ist Deutschland nicht weit entfernt. Wem es zu authentisch wird, kann sich bei einer Curry Wurst an der Imbiss Bude am Eingang beruhigen.

Dong Xuan Center Berlin, Foto: https://www.stilinberlin.de/2012/08/shopfood-in-berlin-dong-xuan-center.html

Das Image der Vietnamesen wandelt sich. Vietnamesische Millenials treten vermehrt in die Öffentlichkeit. Sie vereinen zwei Kulturen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Vielfalt und Repräsentation in Politik und Medien sind wichtige Ziele. Auch Tang wünscht sich für die Zukunft mehr Einfluss der vietnamesischen Bevölkerung in der Politik. Er möchte erreichen, dass die vietnamesische Bevölkerung eine Stimme in der Gesellschaft hat. „Wenn die Politik uns wirklich hier als Bürger haben will, dann muss sie uns das ermöglichen“, sagt Tang. Dabei spielen die jungen Menschen eine wichtige Rolle. Er ist der Meinung, dass Vietnamesen aus ihrer Unsichtbarkeit heraustreten müssen, um ernst genommen zu werden. Still und fleißig zu sein, reicht nicht mehr aus.

Geschrieben von
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