Wahlkampfcom 2017

Die gamescom 2017 konnte mit rund 355.000 Gästen einen neuen Besucherrekord aufstellen. (Foto: Phillip Bedruna)

Im August fand dieses Jahr erneut in Köln die größte Messe für interaktive Unterhaltungssoftware statt: die gamescom. Lange Zeit fristete die Branche in Deutschland ein Nischendasein. Im Wahljahr 2017 sollte sich das zum ersten Mal ändern, denn die Messe bekam hohen Besuch. Eröffnet wurde sie von niemand geringerem als Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Hat die Bundeskanzlerin eine neue zukunftsträchtige Industrie für sich entdeckt? Schließlich machte sie in Köln Zugeständnisse, die vom Bundesverband Interaktiver Unterhaltungssoftware (BIU) bereits seit langer Zeit gefordert werden. Trotzdem bleibt es erstaunlich, dass eine Vielzahl an politischen Vertretern anwesend waren und für diese sogar vom Veranstalter die „Wahlkampf-Arena“ eingerichtet wurde. In den letzten Jahren war all das nicht der Fall.

Der einfache Messebesucher wird aber von all den politischen Auftritten nichts mitbekommen haben, da sie in einem gesonderten Bereich mit Extra-Tickets stattfanden. Die Hersteller ließen sich wie gewohnt in der „entertainment-area“ nieder und buhlten um die Gunst der Besucher.

Zeit für Massenindustrie

Bei einem Gang durch die riesigen und vollen Messehallen fiel dieses Jahr wieder einmal mehr auf, dass die Zeit der „brillentragenden Nerd-Entwickler“ lange vorbei ist. Die Computerspiele-Industrie ist genau das geworden: eine Industrie. Und die gamescom hat sich zu ihrer größten Werbeveranstaltung entwickelt. Die Branche besteht hierzulande in einer Blase, die die Öffentlichkeit so gut wie nicht wahrnimmt.

Das sollte sich dieses Jahr durch den Besuch der Bundeskanzlerin ändern. So sprach sie davon, dass die deutsche Computerspieleindustrie ein „Level Playing Field“ werden solle und man die „Killerspieldebatte ruhen lassen“ müsse. Sie sprach sogar von der Branche als „Schlüsselindustrie“. Allerdings als Schlüsselindustrie für andere Industrien. Zusagen für umfassendere Förderungen gab es nicht, aber die Forderung sei ihr bekannt. In Aussicht stellte sie ein mögliches Treffen aller Akteure, irgendwann in der möglichen nächsten Legislaturperiode.

In das Fettnäpfchen, der vor Jahren geführten, „Killerspiele“-Debatte trat Merkel aber nicht. Eine pauschale Antwort auf die Förderung von Gewalt durch Spiele könne es nicht geben, Bedenken müssen aber ernst genommen werden.

Die diesjährigen Messetrends

Was bleibt noch zur diesjährigen gamescom zu sagen? Spiele gab es ja immerhin auch. Wie bereits erwähnt ist das weitere Wachstum der Branche durchaus zu erkennen. Die gamescom bot dieses Jahr über 900 Aussteller aus 50 verschiedenen Ländern und stellte obendrein einen neuen Besucherrekord auf.

Besonders interessant für Spieler und auch für alle weiteren technologiebasierten Industrien, bleibt der anhaltende Virtual-Reality-Trend. Der gigantische Anfangshype, um die noch sehr junge Technologie, ist bei großen Herstellern der Computerspiel-Branche jedoch etwas abgeebbt. Nichtsdestotrotz gab es im Bereich der „Indie Area“ (Entwickler die keinem Großkonzern angehören) zahlreiche originelle Anwendungen, die aufzeigen, was bereits im Bereich der Virtual-Reality möglich ist.

Ein weiterer Trend dürfte die zunehmende Vernetzung der Spiele und Spieler sein. Kaum ein Spiel der großen Konzerne kommt noch ohne Online-Anwendungen und Mehrspielerfunktionen aus. Hier bietet die Indie-Nische wieder einmal das Gegengewicht.

Die Situation in Deutschland

Es bleibt abzuwarten, wie sich die Branche hierzulande weiterhin entwickeln wird. Die größeren Hersteller unterhalten zu einem Großteil lediglich Niederlassungen in Deutschland, die sich um die Vermarktung und den Vertrieb kümmern. Ubisoft sind dabei die große Ausnahme. Der französische Hersteller, der nahezu in jeder Region der Welt tätig ist und über 25 Entwicklerstudios besitzt, unterhält inzwischen drei größere Studios in Deutschland, in Mainz, Düsseldorf und Berlin, die für internationale Großproduktionen zuständig sind. In Deutschland sind das aber nach wie vor Ausnahmen, eine starke und ausgewachsene Industrie existiert noch nicht. Die Zahlen beweisen aber, dass das Nischendasein unberechtigt ist.

Denn laut dem deutschsprachigen Branchenmagazin gameswirtschaft.de wurde allein in Deutschland mit dem Verkauf von Spielen (inklusive digitale Verkäufe sowie In-App-Käufe) im Jahr 2015 2,8 Mrd. Euro umgesetzt. Das ist mehr als die RTL-Gruppe und die Musik- Branche umgesetzt haben und liegt fast gleichauf mit der deutschen Filmindustrie.

Im Vergleich zum Folgejahr 2016 zeigt sich weiteres Wachstum im deutschen Computerspielemarkt. Der Gesamtumsatz, der in Deutschland von Computerspiele-Herstellern erwirtschaftet wurde, konnte auf 2,9 Mrd. Euro anwachsen. Auch der BIU stellt in seinem Jahresreport 2016 fest: „Circa die Hälfte aller Deutschen spielen regelmäßig Computerspiele“. Weltweit haben Computerspiele im Jahr 2016 einen Gesamtumsatz von 91 Mrd. Dollar erwirtschaftet, wie das Marktforschungsunternehmen SuperData Research ermittelte. Die Zahlen lassen aber auch die Versäumnisse der Politik erkennen, denn rund 95% der verkauften Güter wurden nicht in Deutschland produziert.

Die gamescom ist zu einer Massenveranstaltung angewachsen. (Foto: Phillip Bedruna)

„Deutschland ist als Entwicklungsstandort absolut irrelevant“

Der Marktanteil deutscher Entwickler auf dem deutschen Markt beträgt gerade einmal 5%. Es gilt bei diesem Marktanteil ebenfalls zu beachten, dass in die Statistik nicht mit eingeflossen ist, ob die deutschen Entwicklerstudios einem internationalen Großkonzern angehören. Also ist die Aussage im BIU Jahresreport 2016 „Deutschland ist als Entwicklungsstandort absolut irrelevant“ leider zutreffend, trotz der immensen Wachstumszahlen.

In anderen Ländern der Europäischen Union zeichnet sich ein völlig anderes Bild ab. Talentierte und umsatzstarke Entwicklerstudios sind durchaus vorhanden. Das Studio Mojang hinter dem Milliardenerfolg „Minecraft“ hat seinen Sitz in Schweden, das Unternehmen hinter der „Angry Birds“ Marke ist in Finnland ansässig und die Macher der „Candy Crush“ Spiele sitzen in England, ebenso wie die Entwickler der umsatzstarken „Grand Theft Auto Reihe“.

Die deutschen Probleme

Warum nicht in Deutschland? Immerhin existieren auch in Deutschland an staatlichen Universitäten und Hochschulen Studiengänge rund um das Thema „Game Design“. Aber die Zukunftsaussichten sind düster. Fehlende Förderung und mangelnde digitale Infrastruktur sind die am meisten genannten Gründe. Viele der Absolventen wandern in andere Bereiche, der, von Merkel betitelten, „Industrie“. Die Daimler AG und S.A.P. nehmen Game Designer, man könnte schon fast sagen, mit „Kusshand“ auf.

Ford zum Beispiel kooperierte sehr opulent mit der Microsoft Xbox Abteilung. (Foto: Phillip Bedruna)

„Schlüsselindustrie“

Ob das wohl ein zweiter Grund sein könnte, weshalb sich die Bundesregierung plötzlich für die Computerspiele-Branche interessiert? Es wird sich vielleicht zeigen, ob Merkels Wahlversprechen lediglich Wahlkampf-PR gewesen ist. Immerhin ist zwischen den Zeilen ihrer Eröffnungsrede lesbar, dass die Computerspiele-Branche in Deutschland nur als Zuliefererindustrie zuständig sein soll, die Kerntechnologien für die „richtige“ Industrie entwickelt.

Mit Künstlicher Intelligenz, Virtual-Reality und Augmented-Reality hat sie damit ja bereits Erfahrungen gemacht. Vielleicht können die Forderungen der Branchenverbände doch noch Realität werden.

Lasset die Spiele beginnen!

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