Jan Kounens „39,90“: Alles ist käuflich…

Jean Dujardin als Octave Parango im Film 39,90
Jean Dujardin als Octave Parango in 39,90 Foto: Alamode Film - Fabien Arséguel e.K.

Nachdem sie diesen Film gesehen haben, sehen sie die Welt mit anderen Augen. Denn er vermittelt einem das Gefühl, nun hätte man das System verstanden. Die Werbeindustrie ist allgegenwärtig und beeinflusst jeden von uns, wenn auch unbewusst. Was hinter den Kulissen passiert, zeigt uns Jan Kounen in seinem abgefahrenen Film „39,90“.

„39,90“ (2007) handelt vom kreativen Octave Parango, der in der Pariser Werbeagentur „Ross&Witchcraft“ arbeitet und „entscheidet, was Sie morgen kaufen werden.“ Von anderen Kollegen und Mitstreitern wird er stets als „genial“ bezeichnet, weil er seine Konzepte für neue Werbespots innerhalb weniger Minuten niederschreibt. Zusammen mit seinem Kollegen Charlie bildet Octave ein innovatives, wenn auch drogensüchtiges Team. Beide sind anscheinend nur so in der Lage, ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. Gleichzeitig hilft es ihnen, dem Druck der Werbeagentur und deren Auftraggebern standzuhalten. Octave führt ein wildes Leben. Jeden Tag steht eine neue Party an. Bis er eines Tages seine große Liebe Sophie kennenlernt. Nach den wilden ersten Wochen des Verliebtseins gesteht sie ihm, dass sie schwanger ist. Octaves Welt gerät aus den Fugen. Er beginnt, von Mal zu Mal mehr Drogen zu nehmen. Die Partys werden ausschweifender, bis es zum großen Absturz kommt und er in eine Klinik eingewiesen wird. Nachdem er mehr oder weniger gesund aus dieser Klinik zurückkehrt, beginnt ein Gedanke zu reifen: Sich an dem System zu rächen, das ihn reich und begehrt gemacht hat.

Für manche Zuschauer mögen die Bilderflut und der Genremix aus Comic, Dokumentation, Werbefilm und Traumsequenzen zu viel sein. Aber genau das braucht dieser Film, um den allgemeinen Wahnsinn der Werbeindustrie perfekt abzubilden. Wahrscheinlich übertreiben Regisseur und Drehbuchautor mit dieser Darstellung nicht einmal. Denn sowohl Regisseur Jan Kounen, ehemaliger Kurzfilm- und Musikvideoregisseur als auch Drehbuchautor Frédéric Beigbeder, einstiger Texter und Conceptioner der Pariser Werbeagentur „Young&Rubicam“, wissen, wovon sie da reden. Frédéric Beigbeder lieferte zudem erst den Stoff in Form eines Buches (99F). Unnötig zu erwähnen, dass sowohl Film, als auch Buch autobiografische Züge vermuten lassen.

Eine Reizüberflutung mit Sinn

Jean Dujardin als Octave Parango macht einen super Job, da er den Wahnsinn und die ständige innere Unruhe Octaves perfekt wiedergibt. Jene Unruhe überträgt sich unweigerlich auf den Zuschauer. Wenn man dazu noch Vahina Giocante sieht, die Sophie darstellt, weiß man auf den ersten Blick genau, was Octave an ihr so anziehend findet. Es ist Sophies Aura, jedes Mal wenn sie zu sehen ist. Auch wenn der Rest der Besetzung weniger hochkarätig ist, ist genau dies eine Stärke des Films. Man geht vorbehaltlos mit den Figuren um und lernt sie Szene für Szene besser kennen. Überhaupt sind die Charaktere wirklich gut ausgearbeitet. Jeder hat hier seine eigene Geschichte, die wir von Minute zu Minute besser zu greifen bekommen.

Sowohl Schnitt, als auch Kamera trane eine Menge zur großartigen Ästhetik des Films bei. Lange One-Shot-Szenen wechseln sich mit schnellen Schnitten ab. Schnittsequenzen wurden so gestaltet, dass man sie als Zuschauer teilweise überhaupt nicht mitbekommt. Auch die Musik wurde dem schnellen Tempo des Filmes angepasst. Als negativen Punkt könnte man anmerken, dass die schnelle Ästhetik oftmals das Verständnis der Handlung erschwert. Aber es lohnt sich den Film noch ein zweites Mal zu sehen. Vielleicht entdeckt man sogar ein paar neue Details, die beim ersten Sehen untergegangen sind.

Manipulation um jeden Preis

Dieser Film versteht sich als Konsumkritik. Nachdem man ihn gesehen hat, ist es unmöglich Werbung zu schauen, ohne dabei zwangsläufig an „39,90“ zu denken. Dem Konsumenten wird ein Spiegel vorgehalten und er beginnt zu realisieren, dass Werbung einfach überall ist. Es ist ein ständiger Kreislauf. Die Menschen hinter der Werbung geben alles, um ihnen das Gefühl zu geben, dass Sie das Auto XY nun unbedingt brauchen, obwohl ihr altes vielleicht nur ein Jahr alt ist. „39,90“ regt eindeutig zum Nachdenken an.

Man könnte nun behaupten, dass dieses Thema schon genug verfilmt wurde und nicht mehr viel zu bieten hätte. Aber doch, das hat es, denn obwohl hinter diesem Film eine ernsthafte Botschaft steht, wirkt es durch diese gewollt überladene Ästhetik nicht mehr zu moralisierend. Umsatz und Absatzmärkte gehen hier im wahrsten Sinne des Wortes über Menschenleben und andere gesellschaftlichen Wertvorstellungen.

Denn: „Man kann alles kaufen. Die Kunst, die Liebe, den Planeten Erde, Sie und mich. Vor allem mich.“

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