Ein Sinn für Mode – aber welche Mode für welchen Sinn?

Mode mit Blindenstock (Foto: Verena Kuen)

Kaum ein Sektor macht so viel Umsatz wie die Modebranche. Gleichzeitig machen sich viele Meschen um kaum etwas so viele Gedanken wie um ihre Mode die der anderen. Was ist aber, wenn eins der normalsten Dinge am Morgen – sich anzuziehen – zu einer Herausforderung wird? Weil man nicht sieht, was man anzieht.

Nach Schätzungen des Deutschen Blinden- und Sehbehinderten Verbands e.V. (DBSV) betrifft das über eine Millionen Menschen in Deutschland. Die Modedesignerin Verena Kuen setzt mit ihrer Kollektion Travelling beyond seeing einen Meilenstein in Sachen Mode für blinde Menschen.
Vom 18. bis 28. Januar 2018 wird ihre Kollektion, die sie als Abschlussarbeit ihres Bachelorstudiums gefertigt hat, in Paris ausgestellt. In einem Interview erzählt sie schon jetzt über ihr Projekt und wie die Zukunft aussehen kann.

Designerin Verena Kuen (Foto: Verena Kuen)

Radarmagazin: Mode für Blinde, wie bist du darauf gekommen?

Verena: Drauf gekommen bin ich nicht selber, sondern durch das Projekt beyond seeing vom Goethe Institut Paris. Das Ganze wurde im September 2016 gegründet. Ich und vier andere Studenten der ESMOD Berlin (eine Kunsthochschule in Berlin) wurden gefragt, ob wir bei dem Projekt mitmachen möchten. Zu dem Zeitpunkt wussten wir nur, dass es um Mode für Blinde geht. Ich fand es aber von Anfang an sehr spannend und konnte mir sehr gut vorstellen mitzumachen.

Radarmagazin: Welche anderen Aspekte hat das Projekt abgesehen von Modedesign?

Verena: Es geht grundsätzlich darum, ob man ohne Sehvermögen Kunst schaffen kann. Neben meiner Hochschule waren auch andere Design Hochschulen aus Frankreich, Belgien und Schweden beteiligt. Dadurch waren auch Produktdesigner oder Architekten dabei. Die haben dann zum Beispiel die Planung und Gestaltung der Ausstellung für nächstes Jahr in Paris übernommen.

Radarmagazin: Wie sah deine Vorbereitung aus?

Verena: Im Vergleich zu anderen Kollektionen, die ich während meines Studiums gemacht habe, bin ich von einem ganz anderen Punkt ausgegangen. Mir ging es darum wirklich tragbare Kleidung für blinde Menschen zu machen. Zuerst fragte ich mich: Was benötigt meine Zielgruppe? Ich habe viele Fragebögen verschickt, mich mit den Menschen zusammengesetzt und sie direkt gefragt, was sie sich von Mode wünschen. Welche Details im täglichen Leben eine Erleichterung wären und was sie bisher bei Kleidung vermissen. Ich habe wirklich sehr viel mit den Blinden zusammen entschieden. Es war mir sehr wichtig, dass ich sie gleich in den Prozess mit einbinde.

Radarmagazin: Was ist das Besondere an deiner Kleidung?

Verena: Herausgefunden habe ich, dass Verschlüsse besonders kompliziert sind. Reißverschlüsse zum Beispiel verhaken sich schnell und man kann nicht sehen, wo das Problem ist. Ich habe deswegen komplett auf Verschlüsse verzichtet. Alles ist zum Reinschlüpfen und mit einfachen Gummizügen gemacht. Knopfleisten oder anderes sind nur dekorativ und nicht funktionell. Außerdem habe ich fühlbare Aufdrucke, sogenannte Puff Prints. Somit hat man auch eine interessante Struktur, die man sowohl sehen als auch fühlen kann. Der Stoff an sich war auch sehr wichtig. Er muss sich gut anfühlen, das Material angenehm zu tragen sein. An der Kleidung sind besonders viele Taschen, um Dinge verstauen zu können. Dann sind die Hände für andere Sachen, wie zum Beispiel den Blindenstock, frei. Auch Farben waren ihnen sehr wichtig. Alles sollte zusammenpassen, damit es auch nach außen gut aussieht. Kleidungsfarben sind natürlich Geschmackssache. Aber viele Blinde kleiden sich gerne nach Stimmung und wählen anhand dessen Farben aus. Wenn man zum Beispiel eine gute Assoziation mit rot hat, zieht man sich auch bei guter Stimmung so an.

Radarmagazin: Welche Teile umfasst deine Kollektion?

Verena: Insgesamt war es eine Kollektion aus fünf Outfits. Mein Thema war Reisen, meine Inspiration war die griechische Insel Kreta und ich wollte praktische Kleidung machen. Leichte Shirts aus Sportswear Material, damit man nicht schwitzt. Darüber einen Parka und eine Weste. Wasserfest, damit es outdoor-tauglich wird. Dazu zwei Hosen. Eine aus Jeansstoff und eine aus Baumwolle und einen Rock. Dann noch eine Sweatshirt-Jacke und einen Pullover aus weichem Material. Als Accessoire habe ich für jedes Outfit eine Tasche oder einen Rucksack. Diese sind so konzipiert, um sie vorne am Körper zu tragen, was ja eigentlich unüblich ist. Aber die blinden Menschen haben mir gesagt, dass sie gerade auf Reisen beklaut werden und sie es eben hinten nicht mitbekommen. Außerdem gibt es noch zwei Caps mit einem extra großen Schirm für extra großen Sonnenschutz. Denn manchmal sind die Augen auch bei direkter Sonneneinstrahlung geöffnet, was zu großen Schmerzen führt.

Die Modekollektion Travelling beyond seeing (Foto: Verena Kuen)
Besondere Accessoires mit besonderem Nutzen (Foto: Verena Kuen)

Radarmagazin: Wie lange hat der ganze Prozess gedauert?

Verena: Für das Ganze habe ich ein Semester gebraucht. Von dem Konzept und den Interviews über Collagen, Probestücke und Überarbeitung bis hin zur fertigen Kollektion. Zwischendurch habe ich alles an den blinden Models abgesteckt und die Sachen, die sie gestört haben, verändert. Nach den fertigen Originalen kommen auch noch endgültige Zeichnungen und ein Portfolio.

Radarmagazin: Wie hast du Kontakt zu deinen blinden Interviewpartnern und Models bekommen? Hat das Goethe Institut dir die Leute vermittelt?

Verena: Wir hatten im Rahmen des Projekts Kennenlerntage. Da waren auch Blinde sowohl aus Berlin als auch aus anderen Ländern dabei. Ugne, eine Blinde aus Litauen, meine Hauptinspiration und ein Model das ich durch das Projekt kennengelernt habe, hat mir dann auch nochmal Kontakte aus ihrem Freundeskreis gegeben. Es ging also von einem zum anderen immer so weiter.

Radarmagazin: Deine Mode soll ja speziell für’s Reisen sein und du warst dafür auch auf Kreta und hast dort zur Vorbereitung die Insel zum Teil blind erkundet. Wie war das für dich?

Verena: Ich wollte meine eigenen Erfahrungen machen, wissen wie es ist, wenn man nichts sieht und ein Land oder eben eine Insel so kennenlernt. Es ist komplett anders. Ich hatte ganz andere Eindrücke, oft achtet man auch nicht so sehr auf seine übrigen Sinne. Ich bin zu jedem neuen Ort mit einer Maske gefahren und habe mich darauf konzentriert, was ich ohne den Sehsinn wahrnehme. Meistens habe ich mir die Orte ganz anders vorgestellt. Am Meer war es so extrem laut, dass ich dachte es stürmt, aber es war eigentlich nur das Rauschen der Wellen. Natürlich kann man sich als sehender Mensch nicht vorstellen blind zu sein. Bei Blinden ist die Wahrnehmung eine ganz andere. Aber ich wollte so nah wie möglich da heran kommen.

Radarmagazin: Anfang nächsten Jahres wird deine Kollektion in Paris ausgestellt. Was passiert da genau?

Verena: Dort werden im Januar die Arbeiten von allen aus dem Projekt im Goethe Institut ausgestellt. Vor allem kommen da dann auch viele Blinde. Ich selber fahre als Begleitperson von Ugne, eines meiner Models hin. Neben der Ausstellung meiner Kollektion bin ich auch ein Teil des Rahmenprogammes und halte einen interaktiven Vortag.

Bisher allein auf weiter Flur (Foto: Verena Kuen)

Radarmagazin: Gibt es auch im großen Rahmen speziell Mode für blinde Menschen oder hast du da einen Prototyp?

Verena: In diese Richtung und allgemein für Menschen mit Behinderung sehr wenig. Es gibt zum Bespiel ein blindes Designer Paar, die machen Shirts mit Blindenschrift drauf. Aber in funktioneller Hinsicht habe ich noch nichts gesehen.

Radarmagazin: Woher kommt diese Marktlücke, wo doch schon in so vielen anderen Lebensbereichen auf Inklusion geachtet wird?

Verena: Es fragen sich einfach viele, ob es überhaupt sinnvoll ist für Leute, die nichts sehen was zu machen. Gerade im Thema Mode. Ich habe aber sofort bemerkt, dass sie wirklich interessiert sind und sich freuen, dass etwas für sie entworfen wird. Der Bedarf ist da und es ist schade, dass da noch so wenig passiert ist.

Radarmagazin: Hast du auch für deine Zukunft als Modedesignerin vor in der Richtung weiterzumachen, oder war das für dich ein Projekt und damit ist die Sache abgeschlossen?

Verena: Ich kann mir auf jeden Fall vorstellen weiter mit Blinden oder allgemein mit behinderten Menschen zu arbeiten. Erstmal will ich aber durch Praktika Erfahrung im Design sammeln, um meine Kenntnisse zu erweitern. Grundsätzlich schließe ich das aber überhaupt nicht aus. Ich finde die Arbeit sehr spannend und es wäre schade, wenn das einfach so im Sande verläuft. Da ist einfach noch so viel Potential. Man kann immer noch weiter gehen, zum Beispiel in Richtung Smart Clothes. Also die ganzen technologischen Sachen, die es auch schon in Anfängen gibt. Das kann man auch für behinderte oder speziell blinde Menschen nutzen. Egal ob es etwas mit Einbindung von Ton ist oder die Befestigung von Blinkern an Kleidung oder Accessoires, damit man in der Nacht leichter gesehen wird. Da gibt es noch ganz viele Möglichkeiten und noch mehr zu tun.

Geschrieben von
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