Ed Atkins „Old Food“ – Martin-Gropius-Bau 

Ed Atkins
Ed Atkins, Production still for “Old Food”, 2017 (Foto: berlinerfestspiele.de)

Verstörend, bedrückend, beklemmend und dennoch so authentisch. Künstler Ed Atkins lädt zu seiner Ausstellung „Old Food“ im Martin-Gropius-Haus ein. Und die hat es in sich. Heiter verlässt die Räumlichkeiten keiner.

Zentrale Partitur in „Old Food“ ist ein Klavierstück des Komponisten Jürgen Frey. Die Protagonisten sind auf großen Monitoren gezeigte, computergenerierte Personen. Sie tragen mittelalterliche Kleidung und weinen, flennen, sabbern, seufzen unaufhörlich. Die Luft ist mit einer tristen, monoton-langsamen Musik gefüllt. Am liebsten würde man den Sound ausdrehen. Die Wiederholungen, die langen Pausen und die emotional geladene Sprache sind Schlüsselmomente in Atkins Poetik.

In einem der Räume stehen deckenhohe Garderoben aus dem Archiv der Deutschen Oper. An den Wänden hängen Monitore. Einer zeigt, wie ein Menschenhaufen in Endlosschleife in ein Erdloch fällt. So manch einer prallt vorher auf dem Rand ab und versinkt dann im Dunkeln. Die Atmosphäre ist unheimlich und unangenehm.

Der Titel „Old Food“ trifft es ganz gut. Die Menschheit ist verdorben und blind wie eh und je. Atkins’ Arbeiten gehen unter die Haut und erzeugen ein mulmiges Gefühl von Fäulnis. Eine Vorahnung von substanziellem Unbehagen an Material und Konzept, die – ähnlich wie schon die Vorstellung von „altem Essen“ – eine Idee von verschwendetem Nutzen und verdorbener Güte aufkommen lässt. Die Welt von „Old Food“ ist von vornherein verloren. Und sie besteht trotzdem fort, ohne jede Aussicht auf Erlösung. Wie ein Hamburger von McDonald’s wird „Old Food“ nie verderben, nie vermodern – er existiert einfach weiter.

Der Betrachter entwickelt zu diesen künstlichen Figuren eine emotionale Nähe, die gleichzeitig hinterfragt wird. Es geht um hochkomplexe Reflexionen, postmoderne Philosophie. Was passiert, wenn die Vorstellung von Körperlichkeit sich im Digitalen auflöst, wenn wir vergessen, dass alles scheinbar Immaterielle einen materiellen Ursprung hat? Atkins thematisiert Entfremdung, Verzweiflung, Schmerz, Krankheit, Tod. Diese Motive verknüpfen, wiederholen sich, oft getragen von einem Gefühl des Verlustes und der Trauer.

Bevor ich die Ausstellung verlasse, halte ich draußen ein paar Kommentare von Besuchern fest. Offen und ehrlich schreiben sie über ihre Gefühle und den bitteren Nachgeschmack den Ed Atkins bei dem einen oder anderen mit seiner Kunst hinterlassen hat.

 

 

 

 

 

Ed Atkins hatte in den letzten Jahren Einzelausstellungen u.a. im MMK Frankfurt (2017); Castello di Rivoli, Turin (2016); The Kitchen, New York (2016); Stedelijk Museum, Amsterdam (2015) und der Serpentine Gallery, London (2014).
Der Künstler lebt und arbeitet in Berlin.

Geschrieben von
Mehr von Evangelia Bouzmpa

Ed Atkins „Old Food“ – Martin-Gropius-Bau 

Verstörend, bedrückend, beklemmend und dennoch so authentisch. Künstler Ed Atkins lädt zu...
Mehr

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.