1001 Nacht in 48 Stunden – Kurztrip nach Marrakesch

Marrakesch – die Perle des Südens: Unser Redakteur Yann war mit seinem Freund Max für zwei Tage in der nordafrikanischen Hauptstadt von Marokko unterwegs. Was er dort alles erlebt hat und welche Weisheiten er euch für einen Besuch mit den auf den Weg gibt, könnt ihr hier nachlesen.

Nach vier Stunden Flug landen wir in Marrakesch. Bevor wir den Flughafen verlassen, müssen wir durch eine ausführliche Sicherheitskontrolle. Die Polizei möchte unter anderem wissen, woher wir kommen, welche Berufe wir ausüben und was der Grund unseres Besuches ist. Als sie meinen Studentenausweis sehen und entdecken, dass ich Journalismus studiere, werde ich aufgeregt in einen separaten Raum gebeten. Auf sowas war ich weniger vorbereitet. Max schaut mir ein wenig verzweifelt nach. Nachdem ich den leicht unfreundlichen Beamten versichere, kein Spion zu sein und mein Gepäck nochmal komplett auf einem Tisch ausbreite, geben sie mir widerwillig meinen Reisepass zurück. Trotzdem rufen sie noch in unserem Hotel an, um meinen Aufenthaltsort zu überprüfen. Zügig verlassen wir den Flughafen. Guter Start.

Das Abenteuer kann beginnen

Die warme Luft strömt uns auf dem Vorplatz entgegen. Es ist Ende November und in Deutschland sind jetzt ungefähr null Grad. Erleichtert schlendern wir zu den Taxen. Kleiner Tipp: Man sollte sich vor der Reise mit dem Hotel in Verbindung setzen und nach einem Fahrdienst oder dergleichen fragen. Sonst könnte es nämlich passieren, dass man direkt bei der Ankunft um zu viele Dirham erleichtert wird. Dirham ist übrigens die marokkanische Währung. Elf Dirham sind ungefähr ein Euro.

Wir sitzen in einem alten Benz und fahren an Palmen und teils sandigen, teils steinigen Brachflächen vorbei. Ich wundere mich über den Kilometerstand des Taxis, der nur 120 000 km anzeigt. Stolz erklärt mir der Fahrer, dass der Zähler schon einmal komplett durchgelaufen ist. Nach 15 Minuten nähern wir uns der Stadtmauer, die ganz Marrakesch umschließt. Unheimlich viele Menschen sind auf ihren Rollern und Mopeds unterwegs und drängen sich durch den Straßenverkehr, der immer zäher wird. Eine Straßenverkehrsordnung scheint es nicht zu geben. Aber es scheint zu funktionieren. Im Licht der Straßenlaternen sieht das Tor der Stadtmauer mystisch aus. Wir sind sehr aufgeregt und realisieren, dass unser Abenteuer jetzt beginnt.

Wir halten am Straßenrand. Es herrscht absolute Reizübeflutung. Menschenmassen wuseln um uns herum. Ein süßlicher Geruch von orientalischen Gewürzen und vergammeltem Fleisch liegt in der Luft. Es ist verdammt laut. Obst- und Souvenierhändler preisen schon am Stadteingang ihre Waren an, Autos hupen und ein Verkehrspolizist versucht brüllend die Menschen von der Straße zu drängen. Ich brauche ein paar Sekunden, um mich zu sammeln. Dann sehe ich einen Mann in einem Djellaba – ein bodenlanger traditioneller Kapuzenmantel. Er zieht einen großen Karren hinter sich her und grinst uns freundlich an. Wir sollen unsere Koffer in den Wagen packen und ihm danach folgen. Er führt uns zu unserem Schlafplatz.

Das erste Mal auf dem „Djemaa el Fna“

Mittlerweile ist es dunkel, doch die Straßen und kleinen Plätze sind immernoch komplett überfüllt. Je mehr wir ins Innere der Stadt vordringen, umso enger werden die Gassen. Dann erreichen wir das Hotel oder besser gesagt das „Riad“. So wird auch ein traditionell marokkanisches Haus mit einem oftmals kunstvoll verziertem Innenhof genannt. In der Mitte ist ein Pool, der von kleinen Palmen umgeben ist und ich gönne mir eine Abkühlung, bevor ich ins Bett falle.

Am nächsten Tag werden wir schon früh geweckt. Die Gesänge der Muezzins schallen über die roten Dächer der Lehmhäuser. Wir machen uns auf, um auf dem „Djemaa el Fna“ etwas zu essen. So heißt der riesige Marktplatz und das Herz von Marrakesch. Früher wurden dort die Verurteilten hingerichtet. Jetzt tobt hier das totale Leben. Hunderte Menschen versammeln sich auf einem riesigen Platz. Von überall ertönt orientalische Musik. Einige Menschen tanzen und trommeln und laden Einheimische und Touristen ein, mit ihnen zu musizieren oder zuzusehen. Es riecht nach gebratenem Fleisch, markanten Gewürzen und leichter Fäule. An jeder Ecke und zwischendrin versuchen Händler lautstark auf ihre Waren aufmerksam zu machen. Manche freundlich, manche ziemlich aufdringlich. Daran muss man sich erstmal gewöhnen, wenn man nur westliche Metropolen gewohnt ist. Obwohl der Drogenhandel in Marokko um einiges härter bestraft wird als in Europa, scheint dort keiner wirklich Angst vor der Polizei zu haben. In vielen Fällen steht die Polizei bei ominösen Angeboten keine fünf Meter von uns entfernt.

Bestellt euch einen frisch gepressten Orangensaft und schaut dem Treiben auf dem riesigen Marktplatz zu – es wird nie langweilig! (Foto: Yann Thönnessen)

Es ist für uns ein einzigartiges Erlebnis. Neben traditioneller Kleidung und etlichen Sorten von Gewürzen, Ölen und Obst findet man hier auch ziemlich skurrile Dinge. Eidechsen in verschiedenen Größen, Schlangenhaut und Frösche werden neben Knochen und Fellen zum Verkauf angeboten. Wir bleiben vor einem Tisch mit einem Berg voller Zähne und Zahnprothesen stehen. Ein älterer Mann mit grauem Bart winkt uns heran. In seiner Hand befindet sich eine alte Zange. Wir erfahren, dass er der Zahnarzt für die ärmeren Menschen in Marrakesch ist. Leute mit einem Zahnleiden besuchen ihn an seinem Stand und lassen sich von ihm behandeln. Die Zähne verkauft er dann als Glücksbringer weiter.

Kein Leitungswasser trinken!

Dann bestellen wir uns etwas zu Essen. Vor der Reise haben wir vereinbart, dass wir ganz viel Traditionelles probieren wollen, um auf die uns bekannten Snacks so gut es  geht zu verzichten. Wir entscheiden uns für eine Tajine mit Hühnchen und Gemüse. Tajinen sind die typisch nordafrikanischen Schmorgefäße mit spitzem oder gewölbtem Deckel, in denen das Essen angerichtet und direkt zum Tisch gebracht wird. Verschwendet wird hier nichts. Wir bekommen unser Fleisch inklusive aller Innereien. Auch wenn letzteres nicht so meins ist, schmeckt das wirklich günstige Mahl – umgerechnet 2.50€– wirklich sehr würzig und gut. Wir werden definitiv satt.

Hierzu seien nochmal zwei Dinge gesagt: Niemals beim erstbesten Restaurant oder Stand bestellen. Informiert euch und gleicht die Preise ab. Wir haben in der kurzen Zeit oft erlebt, dass dort einige Touristen abgezockt und bedrängt wurden, hohe Preise zu zahlen. Die Spanne liegt beim gleichen Gericht zwischen 20 und 300 Dirham. Und vergewissert euch, dass eure gekauften Wasserflaschen auch wirklich noch versiegelt sind, wenn ihr sie öffnet. Wir haben beobachtet, wie Flaschen mit Leitungswasser nachgefüllt und wiederverkauft werden. Selbst zum Zähneputzen muss man unbedingt Flaschen aus dem Supermarkt nehmen, da Touristen nicht an die dortigen Bakterien gewohnt sind.

Nach einem Besuch beim Barbier besichtigen wir an Nachmittag die Koutoubia-Moschee. Sie ist nicht nur die größte, sondern auch die älteste Moschee in Marrakesch und das Wahrzeichen Marokkos. Anders als die meisten anderen Moscheen, steht diese allein und nicht zwischen den rötlichen Häuserreihen der Medina – wie dort die Altstadt genannt wird. Von Palmengärten und exotischen Pflanzen umgeben, sieht sie in der Nachmittagssonne atemberaubend aus. Beim Betreten müssen wir unsere Schuhe ausziehen und dürfen uns ein wenig im Inneren umsehen. Die Moschee ist im Gegensatz zu christlichen Krichen erstaunlich spärlich dekoriert und wir lassen uns erklären, dass zuviel Ablenkung nicht gut beim Beten sei.

Hamammässige Entspannung

Auf dem Rückweg bummeln wir noch durch die Altstadt und noch immer hat das Leben dort nicht nachgelassen. Als ein Einheimischer mich zu einem Tanz einlädt, lass ich mich nicht lumpen und erlerne in Windeseile ein paar Schritte. Euphorisiert tipple ich durch die Gegend bis ich von einem „Don´t move“ aus meiner Trance gerissen werde. Erschrocken drehe ich mich um und erstarre. Ich blicke in die Augen einer schwarzen Kobra, die ungefähr einen Meter vor mir aufgerichtet ihre Zunge zischen lässt. Einen Käfig oder Korb gab es nicht. Ein paar Sekunden später ist wieder alles vorbei und ich beginne wieder zu atmen. Der Schlangenbeschwörer packt die Kobra am Hinterkopf und setzt sie wieder vor seine Flöte. Alle fangen an zu lachen – außer ich. Als Beweis habe ich ein Foto aus sicherer Entfernung gemacht.

Von den ganzen Eindrücken sind wir ziemlich platt und beschließen ein Badehaus, „Hamam“ genannt“, zu besuchen. Darauf freuen wir uns seit vier Wochen. Die Badehäuser sind in der ganzen Stadt verteilt und überall ausgeschildert. Wir verlassen uns aber lieber auf die Empfehlung einiger Stadteinwohner bevor wir uns entscheiden. Das ist übrigens gerade in Marrakesch bei allen Dingen sehr ratsam. Die Stadt ist so verwinkelt, dass man leicht die schönsten und sehenswertesten Ecken verpassen kann. Wir werden nicht enttäuscht. Schon am Eingang strömen uns blumige, wohlriechenden Düfte entgegen und lassen uns den herben Geruch der Medina augenblicklich vergessen. Wie in unserem Riad gibt es auch hier einen kleinen Pool in der Mitte, der kunstvoll mit Mosaik und Bemalungen verziert ist.

 

Max und ich im Badehaus und mit traumhaften Blick über die Dächer der Stadt
Max und ich im Badehaus und mit traumhaften Blick über die Dächer der Stadt

Nach einer freundlichen Begrüßung mit Minztee beginnt das feste Ritual des Hamam. In einem Dampfbad werden wir eine dreiviertel Stunde mit Seifenschaum und Ölen eingerieben und bis auf den letzten Zentimeter behutsam mit Bürsten abgeschrubbt. Wir fühlen uns unglaublich wohl und die Hamam-Meister nehmen sich für jeden eine Menge Zeit. In Bademänteln führt man uns in einen verdunkelten Raum. Es riecht nach Weihrauch und leise orientalische Gitarrenmusik ist zu hören. Dort werden wir eine halbe Stunde massiert und wieder mit Öl eingerieben. Wir fühlen uns wie neu geboren. Ein absolutes Muss auf einer Reise durch Marokko und die perfekte Erholung vom anstrengenden Gewusel, welches sich hinter den Lehmmauern abspielt. Müde und glücklich verlassen wir das Badehaus und gehen schlafen.

Handeln, was das Zeug hält!

Den nächsten Tag beginnen wir wieder auf dem Marktplatz und probieren uns durch die frischen Säfte, die dort für unglaublich wenig Geld angeboten werden. Bei einem ausgiebigen Frühstück lernen wir den Kellner Rashid kennen, der uns empfiehlt, unbedingt noch den botanischen Garten „Jardin Majorelle“ zu besuchen. Der ist zwar etwas außerhalb, aber leicht mit dem Taxi zu erreichen. Außerdem fragen wir ihn, ob er uns eine Spezialität des Hauses empfehlen kann. Kann er. Das Schafshirn mit Datteln kommt in einer kochenden Taijine zum Tisch. Wir spielen Schere, Stein, Papier – Max verliert. Nach zwei Bissen ist für ihn Schluss. Angeblich soll es ein wenig nach Leber schmecken und hat einen nußartigen Nachgeschmack. Die Konsistenz erinnert an Gummi und Gelee. Rashid lacht ihn aus und ich bin erleichtert, dass es mich nicht getroffen hat.

Dann machen wir uns auf den Weg zum „Jardin Majorelle“. Beim Taxifahren muss man hier unbedingt drauf achten, dass man den Preis vorher aushandelt. Wir haben uns immer im Vorhinein ausgiebig bei den Einheimischen über die Fahrtkosten informiert, damit wir vergleichen können und Argumente bei den oft zähen Verhandlungen haben. Man muss sich immer vor Augen halten, dass diese Stadt fast ausschließlich vom Tourismus lebt und Unwissenheit an jeder Ecke bestraft wird.

Der „Jardin Majorelle“ ist ein botanischer Garten, der von dem französischen Maler, Jacques Marmorelle, angelegt und später von Modedesigner, Yves Saint Laurent, aufgekauft wurde. Hier soll er Inspiration für seine Kollektionen gesammelt und sich einige Zeit dort aufgehalten haben. Der kleine Ausflug hat sich definitiv gelohnt. Uns erwarten über 300 Pflanzenarten – darunter viele verschiedene Kakteen –  etliche kleine Bäche und eine Architektur, die durchgehend mit dem Licht und den Kontrastfarben Grün und Blau spielt. Alle Wege führen zur Mitte des Gartens, an dessen Ende die blaugelbe Villa des einstigen Modeschöpfers steht. Im Anschluss besuchen wir noch das neu-errichtete Museum und erfahren, dass Marrakesch mit seinen verschiedenen Facetten und bunten Farben der größte Einfluss für Saint Laurents Kreationen war, die weltweit Konventionen auf den Kopf stellten.

Die Villa im Garten von Yves Saint Laurent (Foto: Yann Thönnessen)

 Der letzte Abend

Den Tagesausflug wollen wir mit einem Bier abschließen und lassen uns zum einzigen Supermarkt fahren, derAlkohol verkauft. Wir befinden uns schließlich in einer muslimischen Stadt und Alkohol wird fast nirgendwo ausgeschenkt. Es ist nicht verboten – jedoch verpöhnt. Auf gar keinen Fall sollte man an öffentlichen Plätzen trinken, da es Bürger und Polizei unnötig provoziert. Der französische Supermarkt hat sogar einen eigenen Keller mit Hinterausgang, der vom restlichen Teil abgegrenzt ist. So kommt man beim Kauf von Alkohol nicht mit anderen Kunden in Kontakt.

Als es dunkel wird, stürzen wir uns noch ein letztes Mal ins Getümmel der Medina. Die Zeit drängt und wir merken, dass 48 Stunden viel zu wenig sind, um die gesamte Stadt zu erkunden. Wir besuchen noch einmal Rashid in seinem Restaurant und bedanken uns für den tollen Tipp. Er möchte uns morgen zum Essen bei seiner Familie einladen. Wir erklären ihm, dass wir leider abreisen. Schade, das hätten wirklich sehr gerne gemacht. Wahrscheinlich wären wir mal wieder überrascht worden. Wir bestellen zwei Schawarma und verabschieden uns.

Auf dem Weg ins Hotel lassen wir die letzten Tage nochmal Revue passieren. Noch können wir die Impressionen nicht ganz fassen. Gerne hätten wir noch die Menara-Gärten und den pompösen Bahia-Palast des Großwesirs besucht. Aber dafür bleibt keine Zeit. Insgesamt war es eine wahnsinnig interessante und vor allem kulinarische Erfahrung. Da tut es auch fast nicht weh, dass mir während eines kleinen Fußball-Intermezzos mit ein paar Straßenkindern, kurz vor dem Riad, ein paar Dirham aus der Vordertasche (!) meiner Jeans geklaut wurden. Wir müssen beide lachen und fragen uns, wie die kleinen Houdinis das in der kurzen Zeit geschafft haben. Trotzdem ist sicher: Marrakesch, ich komme wieder!

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